172  Der  Jesuitenkrieg  der  neuen  Ära.

mit  den  Verheissungen  des  allgemeinen  Stimmrechts  und  einer
deutschen  Volksvertretung  waren  kräftige  Zaubermittel,  um  den
Ausgleich  zwischen  dem  mächtigen  Minister  und  den  Angehörigen
des  Nationalvereins  herbeizuführen  und  Letztere  in  dienstbare
Gehilfen  für  die  Schöpfung  einer  neuen  deutschen  Centralmacht
umzuwandeln.

Angesichts  der  Vorbereitungen  für  diese  neue  Macht  im
mittleren  Europa  und  dann  ihrer  unaufhaltsamen  Erweiterung
war  es  nun,  dass  Pius  an  der  intensiven  Centralisation  seiner
geistlichen  Macht  arbeitete.  Selbst  seines  Sitzes  in  Rom  konnte
er  nicht  für  immer  sicher  sein.  Die  wechselnde  Freundschaft
  und  Gegnerschaft  der  einen  Macht  musste  andere  Regierungen
  auf  die  Bühne  rufen.  Je  nachdem  die  eine  Regierung
das  Königreich  Italien  gegen  den  Besitzer  des  letzten  geistlichen
Ilufens  auf  dessen  Boden  unterstützte  oder  im  Stich  liess,
konnten  sich  andere  Mächte  zum  Ersatz  anbieten,  bis  der  Krieg
sich  unter  den  Mauern  der  kirchlichen  Burg  entzündete.  In  der
äussersten  Perspective  stand  als  Zuflucht  für  den  Nachfolger
Petri  immer  nur  die  Fischerhütte,  die  als  Ausgangspunkt  des
ersten  Würdenträgers  galt.

Die  Geschichte  erzählt  uns  seit  den  Tagen  der  asiatisehen,
macedonischen  und  römischen  .Nivelleure  von  grossen  Culturstätten,
  die  zur  Unbedeutenheit  von  Landgemeinden,  von  Würden,
die  zu  schwachen  Titeln,  von  mächtigen  Reichen,  die  zu  dem
Range  von  unselbstständigen  Provinzen  herabsanken.  Die  deutschen
Nationalliberalen  haben  selbst,  nachdem  sie  in  den  Wirbel  der
politischen  Centralisirung  sich  gestürzt  hatten,  ihren  Scharfsinn
angestrengt,  um  immer  neue  Competenzen  der  Reichsgewalt
zu  entdecken  und  die  Mittelgewalten  einzuschränken,  und  nun
erheben  sie  gegen  die  Curie  den  Vorwurf,  dass  sie  ihren  Gehilfen,
  den  Bischöfen  einen  grossen  Theil  ihres  amtlichen  Selbstgefühls
  entzogen  habe?  Diese  zärtliche  Theilnahme  z.  B.  eines
Gneist  für  die  Erhaltung  der  bischöflichen  Amtswürde  übersicht
zunächst,  dass  keine  Macht  in  dem  Grade  wie  die  päpstliche
an  eine  Überlieferung  von  Jahrtausenden  und  an  Gesetze  und
Grundbestimmungen  gebunden  ist,  die  aus  den  Wurzeln  der
Tradition  ihre  Kraft  ziehen.  In  keinem  weltlichen  Staatsgebilde
ist  Hingebung  an  die  Verfassung  und  Glaube  an  die  „Majestät
des  Gesetzes  als  die  erhaltende  Kraft  des  Ganzen  in  gleicher
Weise  wie  in  der  römischen  Kirche  durch  alle  Glieder  vom