174  .  Der  Jesuitenkrieg  der  neuen  Ära.

von  der  Redekanzel  wie  ein  auswendig  gelerntes  Schulpensum
her,  ohne  zu  erklären,  woher  den  Vätern  der  Gesellschaft  auf
einmal  dieses  politische  Genie  gekommen.  Sie  wussten  Nichts
davon,.  dass  die  Blüthe  des  Ordens  nur  achtzig  Jahre,  von
ihrem  Wirken  auf  dem  tridentinischen  Concil  bis  zum  Auftreten
Gustav  Adolph’s  in  Deutschland  dauerte.

Philipp  II.  von  Spanien,  der  ihre  Dienste  für  die  Katholisirung
  der  südlichen  Provinzen  seiner  Niederlande  benutzte  und
ihre  Niederlassung  in  den  Collegien  Brügge’s,  Gents,  Brüssels
u.  8.  w.  gestattete,  stand  rathlos  ihrem  Aufschwunge  gegenüber.
Er  beargwöhnute  sie,  wenn  er  sie  auch  gewähren  liess.  Ein  so
doctrinärer  Absolutist,  wie  dieser  König,  unter  dessen  Regierung,
ja  in  dessen  Stamnilande  die  Gesellschaft  den  Gipfel  ihrer
wissenschaftlichen  Entwickelung  erreichte,  sah  perplex  zu,
wie  sie  die  Vertragstheorie  für  das  Verhältniss  zwischen  Obrigkeit
  und  Unterthan  zur  Grundlage  machten,  die  Bestrafung  und
Absetzung  des  Herrschers  gleich  den  kühnsten  Calvinisten  für
nothwendig  erklärten,  das  weltliche  Geschäft  aus  der  Verquickung
mit  den  Glaubensbedenken  herausschälten  und  Völkerrecht,
Staatsrecht  und  Nationalöconomie  schufen  und  zugleich  ihrer
scholastischen  Dietatur  unterwarfen.  Solch’  ein  Aufschwung  des
weltlichen  Geistes,  der  seine  Autorität  zugleich  vom  Himmel
ableitete,  war  ihm  wnbegreiflich.  Der  starre  und  finstere  Absolutist
  verlor  die  Fäden  für  jegliches  Urtheil,  wenn  cr  sah,  wie
ein  Orden,  der  den  Absolutismus  des  Papstes  auf  dem  tridentinischen
  Coneil  gegen  die  Freiheitsgelüste  der  anderen  Orden
stabilirt  hatte,  in  Moral  und  Dogmatik  dem  freien  Willen  Raum
liess  und  dessen  weltlichen  Rücksichten  und  Verpflichtungen  auch
im  Beichtstuhl  Rechnung  trug,  —  der  endlich  in  China  und
Indien  die  Zauber  der  Natur-  und  Volksreligionen  nicht  verschmähte
  und  aus  der  Verschmelzung  derselben  mit  der  Botschaft
  des  Evangeliums  eine  neue  Religion  in's  Leben  rief.

Bekannt  ist  Philipps  Wort:  alle  anderen  Orden  verstehe
er,  nur  die  Jesuiten  nicht  —  ganz  wie  später  Nikolaus  von
Russland  sagte:  Alles  verstehe  er,  Republik  und  Monarchismus,
nur  den  Constitutionalisinus  nicht.  Bald  darauf  aber,  nachdem  der
Orden  sich  in  Frankreich,  auf  diesem  weltlichen  und  der  Verstandesthätigkeit
  günstigen  Boden,  heimisch  gemacht  hatte  und  im  Anfang
des  dreissigjährigen  Krieges  für  seine  Katholisirung  Österreichs  mit
der  Heiligsprechung  Franz  Xaver’s  (1619)  und  Loyola’s  (1622)