Der  Jesuitenkrieg  der  neuen  Ära.  179

sollte  ihr  „weiter!  weiter!“  mit  der  Kraft  des  Sturms  auch  den
Reichskanzler  mit  sich  fortreissen;  sie  wollten  denselben  vor
etwaigen,  eignen  Bedenken  retten  und  er  sollte  ihr  Gefangener
werden,  wie  sie  selbst  die  Ketten  ihres  Beschlusses  an  ihrem
eignen  Leibe  fühlten.

Die  Mai-  und  Junidebatten  des  Reichstags  über  die  Jesuitenangelegenheit
  werden  immer  ein  classisches  Zeugniss  von
der  Verwirrung  der  Geister  bleiben,  welche  zur  Entscheidung
mitwirkten.  So  sprach  der  Bevollmächtigte  des  Bundesraths,
Friedberg,  als  er  am  14.  Juni  die  Berathung  eröffnete,  die
Hoffnung  aus,  dass  ein  Gesetz,  welches  immerhin  in  das  Gebiet
des  Gewissens  und  der  Überzeugung  einschlage,  durch  die  noble
und  „vornehme  Ruhe“  der  Debatte  ein  Gesetz  des  Friedens
werden  möge.  Und  die  Sprecher  der  Mehrheit  kamen  dieser
Erwartung  mit  der  Hast  entgegen,  mit  der  sie  der  Minderheit
das  Strafgesetz  vor  Augen  hielten  und  das  Bild  des  partiellen
Belagerungszustandes  vormalten.

Den  Schluss  der  Debatte  leitete  der  Vorsitzende  des  Reichskanzleramts
  Delbrück  im  Namen  der  verbündeten  Regierungen
und  unter  besonderer  Betonung  mit  der  Erklärung  ein,  dass
man  die  landläufige  „Identifiecirung  des  Jesuitenordens  mit
der  katholischen  Kirche“  nicht  anerkennen  könne,  noch  werde,
und  unmittelbar  darauf  folgte  Gneist's  entscheidende  Schlussrede,
in  welcher  dieser  Universal-Dialektiker  nachwies,  wie  im  Laufe
der  vorhergehenden  Jahre  diese  Einheit  des  Jesuitismus  und  der
Kirche  durchgesetzt  sei.

Die  Schwerter,  welche  die  Sprecher  der  Mehrheit  in  den
Mai-  und  Junidebatten  schwenkten,  flimmerten  zwar  tüchtig  in
der  Luft  und  doch  war  das  Ganze  nur  ein  Scheingefecht.
Man  wolite  die  römische  Kirche  treffen  und  die  Säbel  klatschten
nur  auf  ein  Ordensgewand,  hinter  dem  man  die  Kirche  versteckt
glaubte.  Der  Klang  war  und  blieb  hohl.  Die  Schlachtenhelden
Schulze,  Löwe  und  Gneist  benahmen  sich  wie  die  mittelalterlichen
Ritter  eines  Schauturniers  oder  auch  ernstlichen  Gefechts,  wo
die  Geharnischten  hoch  zu  Rosse  sitzen,  auf  die  Schilde  und
Eisenschienen  der  Gegner  einhauen  und  die  Sache  zu  Ehren
ihrer  Dame  erledigen,  wenn  sie  ein  Paar  Mann  der  andern  Seite
aus  dem  Sattel  heben.

‚Solch  ein  Turnier  konnten  zwar  im  vorigen  Jahrhundert
die  Schöngeister  der  aristokratischen  Kreise  zu  Paris,  Madrid

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