180  Der  Jemuitenkrieg  der  neuen  Äre.

oder  Florenz  aufführen  und  mit  Witz  oder  auch  gangbaren
Stichworten  Jesuiten  und  Kirche  gefährlich  treffen.  So  war  es
auch  den  Regierungen  der  Bourbonischen  Höfe  möglich  geworden,
nachdem  die  Gesellschaft  Jesu  aus  den  Berechnungen  der  grossen
Politik  längst  ausgefallen  war,  die  Ordensmitglieder  auf  dem
Schub  über  die  Grenzen  zu  schaffen  und  die  Curie  dem  Gebot
der  auswärtigen  Cabinette  fügsam  zu  machen.  Damals  gab  es
aber  noch  keine  katholischen  Völker  und  über  dem  Haupte
dessen,  was  Volk  oder  Nation  liess,  schaltete  und  waltete  Bildung,
  Geist  und  Berechnung  der  Salons  und  Bureaux.

Katholische  Völker  gingen  erst  aus  dem  Schooss  der  französischen
  Revolution  hervor.  Die  Freiheit,  welche  die  Nationalversammlungen
  eroberten,  machten  sich  auch  diejenigen  zu  Nutze,
die  gegen  die  Beschlüsse  dexselben  ihren  Glauben  behaupten
wollten.  Der  innere  Krieg  stärkte  die  Massen;  der  gewaltsame
Transport  Pius  Vl.  über  die  Alpen  nach  Valence  durch  das
Directorium,  der  gleiche  Trausport  Pius  VII.  nach  Savona  und
die  Huldigungen,  mit  denen  die  Volkshaufen  Italiens  und  Frankreichs
  die  beiden  Gefangenen  auf  ihrer  Fahrt  nach  dem  Kerker
bewillkommneten  und  begleiteten,  vollendete  die  Popularisirung
des  Katholicismus.

Die  Ritter  der  Mai-  und  Junidebatten  sprachen,  als  ob  es
ausserhalb  ihres  Sitzungssaales  kein  Volk  gäbe,  welches,  mit
dem  allgemeinen  Stimmrecht  ausgestattet,  in  den  öffentlichen
Angelegenheiten,  also  auch  in  den  kirchlichen,  ein  bedeutendes
Gewicht  erhalten  hat.  In  andern  Ländern,  wie  in  Italien,
Spanien,  Frankreich  haben  die  Nationalitäten  durch  die  Massen
ihrer  Stimmen  Kronen  erhöht  oder  bestätigt,  aber  unter  denselben
  auch  eine  Macht  erhalten,  die  in  Fragen  der  Kirche  und
Gewissen  wohl  zu  beachten  ist.  Die  Reihe  der  Verbrechen  und
Gewaltstreiche,  welche  Gneist  in  seiner  Rede  vom  19.  Juni  der
römischen  Kirche  vorwirft,  redueirt  sich  auf  die  Regierungsklugheit,
  welche  Pius  den  Neunten  beim  Beginn  dieser  Plebiscite
(im  Jahre  1860)  die  neue  Macht  der  Gegenwart  wohl  erkennen
und  danach  die  Politik  seiner  Kirche  ordnen  liess.

Die  Führer  des  Reichstags  haben  demnach  in  jenen  Maiund
  Junidebatten  die  Frage  des  Tages  in  einen  sehr  beschränkten
Umkreis  eingeschlossen  und,  soweit  sie  auf  das  Urtheil  des
Publikums,  was  allerdings  in  ziemlich  reichlichem  Maasse  ge:
schalh,  einwirkten,  dessen  Gesichtskreis  sehr  knapp  einge-