182  Eine  Stimme  aus  der  neuen  Ära  über  die  Isolirten.

so  wollen  uns  jene  Erzieher  in  dem  von  ihnen  geeinigten  Deutschland
  für  historische  Belustigungen  einen  grösseren  Spielraum
eröffnen,  gebieten  uns  jedoch,  uns  im  Genuss  dieser  Freiheit  nicht
zu  weit  von  dem  Auge  der  Autorität  zu  entfernen.

Die  von  Prof.  Steinthal  in  der  von  demselben  und  Prof.
Lazarus  herausgegebenen  „Zeitschrift  für  Völkerkunde  und
Sprachwissenschaft“  (Band  X,  4,  pag.  419—469)  veröffentlichte
Recension  meiner  Schrift:  „Christus  und  die  Cäsaren“  ist  eine
Stimme  aus  der  neuen  Ära,  zeigt  also  auch,  wie  man  daselbst  die
allgemeine  Herabstimmung  der  Freiheit  und  des  Urtheils  versteht.

Dem  parlamentarischen  Gesetzgeber  wird  es  daher  ganz  aus
der  Seele  gesprochen  sein,  wenn  der  wissenschaftliche  Recensent
die  persönliche  Selbständigkeit  der  griechischen  Denker,  die  in
meiner  Schrift  als  Vorarbeiter  für  das  Christenthum  auftreten,
ihre  Sammlung  im  eignen  Innen  und  die  Beschränkung  auf  die
Angelegenheiten  der  Seele  eine  „traurige  Isolirtheit“  nennt,
Der  Baumeister  am  neuen  Reich  wird  es  ganz  recht  finden,  wenn
der  für  die  Reichsschöpfung  eingenommene  Gelehrte  den  Stoikern
und  Schülern  Epikur’s  wegen  ihres  Rückzugs  aus  den  Staatsgeschäften
  den  Vorwurf  macht,  dass  sie  „die  objeetive  Sittlichkeit“
  im  Stich  liessen.  Stolz  auf  seine  eignen  legislativen
Schöpfungen  wird  es  der  parlamentarische  Staatsmann  billigen,
wenn  sein  litterarischer  Gesinnungsgenosse  meine  Selbständigkeit
und  die  Unabhängigkeit,  die  ich  meiner  Person  und  Kritik  bewahrt
  habe,  auf's  Korn  nimmt  und  es  an  mir  einen  „wesentlichen
Mangel“  nennt,  dass  ich  „abgelöst  von  dem  drängenden  Strom  der
Entwicklung  und  ausserhalb  jedes  Zusammenhangs  mit  den
schöpferischen  Bestrebungen  der  Gegenwart  stehe.“

Hüben  wie  drüben,  in  der  Gegenwart  und  in  dem  Rom  der
ersten  Jahrhunderte  unserer  Zeitrechnung  findet  Prof.  Steinthal
seine  sogenannte  „objective  Sittlichkeit“  aller  Hochachtung  und
Verehrung  wertl;  es  wird  ihn  also  nicht  überraschen,  wenn  ich
im  Sinne  eines  Isolirten  die  „schöpferischen  Bestrebungen  der
Gegen  wart“den  Zuständen  der  römischen  Kaiserzeit  gleichstelle.
Jener  römische  Trümmerhaufen,  auf  welchem  die  seelenlosen  Formen
der  alten  Stände  und  politischen  Corporationen  sammt  den  Hülsen
der  moralischen  und  religiösen  Satzungen  neben  einander  lagen
und  die  militärische  Gewalt  das  Geschäft  der  Ordnung  besorgte,
hat  im  nationalen  Flickwerk  unserer  Tage  sein  Ebenbild  erhalten.
Mögen  doch  die  Verehrer  der  neuen  Ära  sagen,  welcher  Sparten