Eine  Stimme  aus  der  neuen  Ära  über  die  Isolirten.  183

des  Neubaues  an  der  rechten  Stelle  sitzt,  sich  bewährt  hat  und
vor  der  Geschäftigkeit  der  Scharwerker  sicher  ist;  mögen  sie
sagen,  ob  ein  Dachbau,  welcher  nach  dem  Modell  des  alten
Bundestags  gezimmert  ist,  die  unter  ihm  zusammengewürfelten
Trümmer  des  Alten  und  neue  Constructionsversuche  eine
„schöpferische“  Leistung  sind,  —  und  was  den  „drängenden  Strom
der  Entwicklung“  betrifft,  so  weiss  der  Bürger  nur  von  einem
rastlosen  Gethue  der  Gesetzgebung  zu  erzählen,  welche  ihn  mit
ihren  übereilten  Paragraphen  und  deren  ebenso  flüchtigen  Revisionen
  aus  einer  Facon  in  die  andere  treibt.

Ähnlich  wie  Prof.  Steinthal  die  „traurige  Isolirtheit“  der
Weisen  der  macedonischen  und  römischen  Imperatorenzeit  geisselt,
hat  auch  Plutarch  die  Stoiker  und  Epicuräer  seiner  Zeit  wegen
ihrer  Zurückgezogenheit  und  Theilnahmslosigkeit  für  alle  Staatssachen
  verfolgt.  Dieser  &amp;eschichtschreiber  und  Moralist,  selber
ein  Muster  des  Wohlwollens  und  der  Theilnahme  für  die  „sittliche
Objectivität“,  lobt  in  seiner  Schrift  gegen  den  Epicuräer  Kolotes
die  legislative  Weisheit  früherer  Philosophen,  den  Einfluss  Anderer
auf  Alexander’s  des  Gr.  Regierungskunst  oder  auf  die  auswärtigen
Unternehmungen  dieses  Hegemonen  Griechenlands  und  fährt  dann
fort:  „von  Epicur’s  Jiehre  und  Schule  hingegen  weiss  ich  nicht  zu
sagen,  dass  von  ihr  ein  Tyrannenmörder  (wie  Timoleon),  ein
Gesetzgeber,  ein  königlicher  Minister,  ein  Vorsteher  des
Volks  ausgegangen  wäre.“  -

Da  es  nicht  Jedem  gegeben  ist,  sich  als  Parteiführer  und
Fractionsvorsteher  den  Zugang  zu  einem  Ministersessel  zu  erobern,
will  sich  Herr  Steinthal  mit  der  Wohlgesinntheit  begnügen,
wenn  man  nur  „jeden  Schritt  vorwärts  mit  freudiger  Theilnahme
verfolgt,  mit  gleicher  Freude  hier  den  schwachen  und  langsamen
Gang  sieht,  dort  den  Starken  in  stürmischem  Lauf;“  sein  Freund
und  Mitarbeiter  Prof.  Lazarus  hat  dagegen  die  rechte  Methode
gegenüber  dem  Bestehenden  und  der  Überlieferung  (in  seiner
Schrift:  „Ideale  Fragen,“  Berlin  1878)  systematisch  festgestellt.
Er  nennt  das  Losungswoit  für  den  Fortgang  der  Geschichte  die
„Vertiefung“  des  Alten,  verlangt  also  eine  liebevolle  Versenkung
in  die  überlieferten  alten  geistigen  Güter,  ihre  Pflege  und  vertiefte
  Auffassung.

Allein  das  Alte  war  auch  einmal  neu  und  von  Isolirten  ausgegangen.
  Ein  neuer  Mensch  hat  es  ausgesprochen,  ein  neues
Gemüth  war  seine  Geburtsstätte.  Ein  neuer  Götterkreis,  ein