184  Eine  Stimme  aus  der  neuon  Ära  über  die  Isolirten.

neuer  Himmel  und  cine  neue  Weltordnung  waren  nur  möglich,
wenn  der  Mensch  ein  neuer  geworden  war.  Die  Götter  der
Griechen  und  Römer  alterten,  sobald  das  Gemüth,  ihr  Urquell
verdorrte  und  ein  Gemüth  mit  neuen  Kräften,  Forderungen  und
plastischen  Anlagen  sich  ankündigte  und  durchsetzte  und  aus
den  Schranken  seiner  anfänglichen  Isolirung  heraustreten  konnte.
Sobald  es  den  neuen  Kräften  in  den  Satzungen  der  Heimath  und
der  Vorfahren  ungemüthlich  geworden  ist,  hat  die  Todesstunde
derselben  geschlagen  und  artet  die  künstliche  Vertiefung  in  das
Abgestorbene  in  leere  Spielerei  aus.

Nach  der  Anleitung  und  Vorschrift  des  Herın  Lazarus  hätten
die  Germanen  ihre  alte  Götterwelt  hegen  und  pflegen,  ausschmücken
  und  ausbessern  müssen,  statt  sie  in  den  Brand  der
Götterdämmerung  zu  werfen.  Die  Botschaft  von  einem  neuen
Himmel  ist  immer  mit  der  Ankündigung  des  Weltgerichts  über
die  alten  Weltherrn  verbunden  und  mit  deren  Sturz  in  den  Abgrund;
  den  Germanen  verwandelten  sich  die  Götter  ihrer  Ahnen
in  Unholde,  die  im  Dunkel  der  Wälder  auf  die  Kinder  der  neuen
Ordnung  lauern.

Unsere  Gegenwart  ahnt  etwas  wie  eine  Götterdämmerung
und  das  Vorgefühl  der  nahenden  Krisis  erklärt  zum  Theil  ihre
innere  Beängstigung.  Der  Anklang  an  diese  Ahnungen  erklärt
‘den  Eindruck,  den  Richard  Wagner's  dramatisches  Bild  der
altgermanischen  Götterkrisis  auf  die  Zeitgenossen  gemacht  hat,
und  auch  diejenigen,  welche  der  musikalischen  Durchführung  des
Unternehmens  nicht  durchweg  zustimmen,  erkennen  es  doch  an,
dass  der  Künstler  energisch  ergriff,  was  die  Seele  der  Gegenwart
bewegt.  Während  die  Nachgeburten  des  Napoleonischen  Cäsarismus
  mit  ihren  Staatsmännern,  Gencralen  und  Parteihäuptern
durch  den  unstäten  Bestand  ihrer  Schöpfungen  an  die  Flüchtigkeit
ihrer  Entwürfe  gemahnt  werden,  steigen  in  unserem  Gemüth  die
Erinnerungen  an  frühere  neuernde  Krisen  und  an  die  Isolirten,
die  den  ersten  Anstoss  gaben,  immer  lebendiger  auf.  Zu  jenen
Auferstehenden  gehören  auch  die  kühnen  Einzelnen,  die  ihren
inneren  Schatz  gegen  die  macedonische  und  römische  Herrschergewalt
  retteten  und  zuletzt  in  den  christlichen  Urschriften  bearbeiteten;
  Arthur  Schopenhauer’s  philosophische  Befreiung
der  inneren  Welt  der  Vorstellung  von  der  Macht  des  Weltwillens
wurde  daher  durch  seine  Excurse  zu  den  Anschauungen  dieser
Isolirten  erst  populär.