Eine  Stimme  aus  der  neuen  Ära  über  die  Isolirten.  185

sin  Geschichtsschreiber  nach  dem  Geschmack  unserer  Professoren
  müsste  eine  Darstellung  der  italienischen  Renaissance-Zeit
  mit  Klagen  über  die  Pietätslosigkeit  ihrer  Künstler,  Gelehrten
und  Staatsmänner  gegen  das  Überlieferte  und  Bestehende  anfüllen;
  er  müsste  uns  bei  jedem  dieser  Neuerer  mit  der  Predigt
erbauen,  dass  sie,  statt  das  Alte  zu  „vertiefen,“  mit  der  Anmaasslichkeit
  ibrer  Autonomie  und  Unabhängigkeit  die  „sittliche  Objeetivität“
  von  sich  stiessen.  Statt  dessen  hat  uns  Jakob  Burkhardt
  in  seinem  Bilde  jener  Zeit  die  Geburt  des  reinen  auf  sich
selbst  gestellten,  von  den  Ordnungen  des  Standes,  der  Corporation
und  Überlieferung  befreiten  Menschen  erklärt.

Der  Kaiser  Mare  Aurel,  auch  ein  Freund  der  Isolirung  und
ebenbürtiger  Zeitgenosse  jener  paulinischen  Schule,  welche  den
Nachlass  des  Griechenthums  für  die  christliche  Innerlichkeit  verarbeitete,
  preist  einmal  in  seinen  Monologen  die  Einsamkeit  der
eignen  Seele  als  die  ruhigste  und  anmuthigste  Einsiedelei  und
nannte  sie  die  rechte  Stätte  für  die  eigene  „Erneuerung.“

Nun  betrachte  man  aber  in  Belgien,  England,  Nordamerika
  die  grossen  Einsiedeleien,  die  es  daselbst  gibt,  lauter
Stiftungen  der  Privaten,  die  sich  von  den  Überlieferungen  der
Grossen  und  den  Gebietern  der  alten  Welt  unabhängig  gemacht
haben.  Es  sind  die  freien  Universitäten,  Collegien  und  Academicen
  und,  wie  wir  mit  Gewissheit  annehmen  können,  die  Geburtsstätten
  der  künftigen  Geschichtsbücher,  in  denen  die  Isolirten
mit  ihren  Entdeckungen  und  Kämpfen  einen  grösseren  Raum  einnelınen
  werden,  als  die  Heerführer,  Throneroberer  umd  ihr  staatsmännisches
  Gefolge  sammt  den  Vorstehern  der  politischen
Fractionen.  Hier  wird  Condorcet’s  geniale  „Skizze  der  Fortschritte
  des  menschlichen  Geistes“  ins  Grosse  und  zum  Grundbuch
der  künftigen  Menschheit  ausgearbeitet  werden.  Daneben  hat
Nordamerika  jene  Riesenzeitungen  geschaffen,  welche  die  Schranken
der  offieiösen  Dienstbarkeit  nicht  kennen  und  das  Volk  zu  einer
Rücksichtslosigkeit  erziehen,  von  welcher  die  „Vertiefung“  unserer
diesseitigen  Welt  in  ihre  alten  Schätze  keine  Ahnung  hat.
Nordamerika  ist  selbst  durch  den  Austritt  aus  der  „sittlichen
Objectivität“  der  alten  Welt  entstanden  und  bezeichnet  den
Sieg  der  bürgerlichen,  sich  nach  ihrem  eigenen  Bedürfniss  bewegenden
  Gesellschaft  über  den  Staat.  Eine  Coloniestiftung
der  alten  Welttheile,  wird  es  die  Völkerdämmerung,  das
Gegenstück  zur  früheren  Götterdämmerung  herbeiführen  und