Eine  Stimme  aus  der  neuen  Ära  iiber  dte  Isolirten.  187

er  an  seiner  Natur  mehr  als  seine  Unerschütterlichkeit,“  d.  h.
die  Geisteskraft,  welche  das  Ideal  der  Stoiker,  den  Weisen,
auszeichnete.

In  meiner  Schrift:  „Christus  und  die  Cäsaren“  habe  ich  den
Heiland  der  Isolirten  und  die  imperatorischen  Weltherren,  die
bisher  nur  als  zufällige  Zeitgenossen  galten,  als  ein  Feindes-,
aber  auch  zugleich  als  ein  Geschwisterpaar  gedeutet  und  in
der  freundlichen  und  zugleich  feindlichen  Parallele  die  gegenseitigen
  Beziehungen  dieser  beiden  Führer  aus  dem  Zusammenbruch
  des  Alterthums  nachgewiesen.  Auf  der  einen  Seite  sind
die  Kaisergestalten  der  beiden  ersten  Jahrhunderte  die  ausdrucksvollsten
  Zeugnisse  der  Anstrengungen,  welche  das  Römerthum
in  den  Kaisern  machte,  seiner  wachsenden  Weltbedeutung  zu
entsprechen;  auf  der  anderen  Seite  stand  die  Gemeinde  der
Isolirten  bei  der  Gestalturg  ihres  Ideals  unter  dem  Eindruck
dieser  plastischen  Gebilde  und  traf  mit  den  sprechendsten  Zügen
derselben  zusammen.  Waren  doch  auch  die  Stoiker  von  dem
Zunge  ihrer  Zeit  nach  der  Allmacht  des  Königthums  so  abhängig,
dass  sie  zur  Schilderung  ihres  Weisen  die  Attribute  des  Königs
zusammenrafften.

So  nannte  ich  diese  imperatorischen  Anstrengungen  des
Römerthums  eine  Mitarbeit  an  den  Versuchen  der  Isolirten,  die
Ideale  ihres  Herzens  zu  formen.  Ich  gab  dem  Neffen  und  Nachfolger
  Cäsar’s  die  Ehre,  die  ihm  als  Friedensfürsten  und  Meister
der  Milde  bei  der  Heilung  der  zerschlagenen  Welt  gebührt.
Ich  liess  Caligula  in  der  Glorie  seiner  Gottmenschheit  und  in
der  Kühnheit,  mit  der  er  die  Insignien  aller  Gottheiten  des  Volksglaubens
  auf  sein  Haupt  sammelte,  glänzen.  Vespasian  gewinnt
in  meiner  Darstellung,  während  er  Judäa  bezwingt  und  den  Fall
des  Tempels  von  Zion  vorbereitet,  im  Verkehr  mit  Josephus,
dem  Gründer  einer  neuen  Weltreligion,  die  Überzeugung,  dass
ihn  ein  Götterspruch  des  Orients  zur  \WVeltherzschaft  berufen
habe.  Nerva  und  Trajan  mässigen  die  altrömische  Nationalkraft
zur  Civilität,  Sanftmuth  und  Gelassenheit  und  reichen  den  Isolirten
  die  Hand;  Hadrian  vereinigt  in  seinem  encyklopädischen
Haupt  wie  in  einem  Pantheon  und  in  einer  Universalschule  die
religiösen  und  philosophischen  Entwürfe  des  Morgen-  und  Abendlandes;
  Mare  Aurel  endlich  wird  wie  einer  der  Isolirten
und  sinnt  in  seiner  Einsiedelei  über  das  Gesetz,  welches  die  Ord-