190  Eine  Stimme  aus  der  neuen  Ära  über  die  Isolirten.

alterthümliche  Ahnung  erfüllte  sich  dann,  wie  ich  bei  meinem
ersten  Auftreten  mit  der  Evangelienkritik  nachwies,  seit  der  Ausbildung
  der  Exegese  im  dritten  Jahrhundert  bis  zum  theologischen
Ausleger  Strauss  in  einem  barbarischen  Kampf  mit  dem  Rest  des
Buchstabens,  der  sich  noch  als  Zeuge  der  ursprünglichen  Freiheit
erhalten  hatte.

Nun  noch  ein  Wort  an  Ludwig  Bamberger,  dem  ich
diesen  Abschnitt  zum  Trost,  dass  die  von  ihm  gewünschte  Herabstimmung
  der  Freiheit  und  des  Urtheils  nahe  herbeigekommen
ist,  gewidmet  habe.  Ich  will  ihm  eine  Mittheilung  machen,  die
ihm,  wenn  er  sich  noch  einige  Freiheit  des  Kopfes  erhalten  hat,
ein  helles  Jauchzen  abgewinnen  müsste.

Prof.  Steinthal  sagt  im  Eingang  seiner  Recension,  damals,
als  ich  (1851)  das  Vorwort  zur  Berliner  Bearbeitung  meiner
Evangelienkritik  schrieb,  hätte  er  mir  gesagt,  ich  sollte  doch
zum  Philologen  Böckh  in  die  Lehre  gehen  und  von  ihm  „hören,
wie  man  aus  dem  Detail  die  Einheit  gewinnt.“  „Hätte“,  —  also
wenn  er  dazu  die  Gelegenheit  gehabt  hätte.  Indessen  besuchten
wir  uns  gerade  zu  jener  Zeit  ein  paarmal  gegenseitig,  aber
kein  Wort  vom  Philologen  entlockte  diese  Gelegenheit  meinem
Recensenten.  Dagegen  veröftentlichte  er  in  den  „Blättern  für
litterarische  Unterhaltung“  (No.  47,  vom  20.  November  1852,
p.  1105  bis.  1114)  einen  eingehenden  Aufsatz  über  meine  Kritik
der  Evangelien,  der  Apostelgeschichte  und  der  paulinischen  Briefe
und  erklärte  sich  sowohl  mit  dem  philologischen  Detail  derselben,
als  mit  der  Gesammtanschauung  einverstanden.  Meine  Durchführung
  der  Kritik  nannte  er  einen  „Befreiungs-  und  Verjüngungsprozess.“
  Nach  dieser  früheren  Arbeit  meines  Recensenten  muss
seine  jetzige  Herabstimmung  des  Urtheils  in  den  Augen  unseres
legislativen  Meisters  Ludwig  Bamberger  einen  um  so  höheren
Werth  als  Zeugniss  von  der  Geistesverfassung  der  Gegenwart
haben.

Voltaire  überfiel  einmal  Ludwig  XV.,  den  er  soeben  in
einem  Drama  verherrlicht  hatte,  in  den  Theatergängen  mit  der
Frage:  „ist  Trajan  zufrieden?“  wurde  von  ihm  aber  weder  eines
Worts,  noch  Blicks  gewürdigt;  ich  werde  mich  damit  begnügen,
in  bescheidener  Ferne  unserm  Nationalvertreter  zur  Leistung
eines  seiner  Parteigenossen  zu  gratuliren.