Das  Donaureich  in  der  neuen  Ära.  233

thusiasten  überlegen  in  allem  Errnste,  ob  sie  nicht  das  geflügelte
Wort,  Österreich  würde  für  sich  selbst  am  besten  sorgen,  „wenn
es  seinen  Schwerpunkt  nach  Pest  verlegte,“  noch  über  die  andern
kühnen  Würfe  der  Sprache  setzen  sollen,  mit  welchen  der  Premierminister
  scine  deutsche  Politik  beleuchtete;  ja  sie  sind  nahe
daran,  ces  mit  der  bewaffneten  Minerva  zu  vergleichen,  die  einstens
aus  dein  Haupt  des  Donnerers  entsprang.

Allerdings  unterschied  sich  das  Wort  von  den  Orakeln,  die
sonst  von  den  oberen  oder  unterirdischen  Gewalten  kamen,  durch
die  Waffenbereitschaft,  mit  welcher  der  Autor  zugleich  für  die
Ausführung  sorgte;  dennoch  war  es  trotz  seiner  schlagenden
Kraft  zum  Theil  noch  in  ein  geheimnissvolles  Dunkel  gehüllt.
Das  Kine  war  gewiss,  der  beredte  Gebieter  wollte  Österreich
nach  dem  Westen  hin  mit  einem  Zaun  umgeben,  der  ihm  die
Aussicht  auf-Deutschland  verschloss,  aber  es  blieb  noch  unbestimmt,
  ob  dem  andern  Janushaupt,  mit  welchem  das  Kaiserreich
sich  der  Zukunftswelt  zeigen  und  mit  dessen  Gehirn  es  für  sich
selbst  denken  sollte,  die  freie  Aussicht  nach  dem  Orient
unbenommen  bleiben  würde.  Sodann  verliert  das  bewunderte
Wort  doch  etwas  an  historischer  Bedeutung,  wenn  man  sich
erinnert,  dass  es  am  4.  December  1862  schon  €  eine  lange  Geschichte
  gehabt  hatte.

Nicht  ganze  drei  Vierteljahre  zuvor  hatte  Goldmann,  der
Verfasser  der  „Pentarchie*  (vom  Jahre  1839)  in  seiner  letzten
Schrift:  „Europa’s  Cabinette  und  Allianzen“  (Leipzig  1862)  Österreich
  auf  den  Weg  nach  dem  Osten  hingewiesen  und  die  hohe
Bedeutung  geschildert,  welche  Ungarns  Centralstellung  an  der
Donau  als’  rechter  Grundstein  des  kaiserlichen  Gesammtstaats
für  die  modeıme  Entwicklung  desselben  habe.  Der  Pentarchist
erinnerte  zugleich  an  eine  ansehnliche  Reihe  österreichischer
Staatsmänner,  die  gleichfalls  die  Stärkung  ihres  Staats  am  ungarischen
  Mittellauf  der  Donau  suchten.  Obenan  steht  Gentz,  der
Angesichts  der  unglücklichen  Folgen  der  Schlacht  bei  Austerlitz
und  am  Vorabend  von  Preussens  Sturz  am  4.  August  1806  an
Johannes  Müller  meldet,  dass  er  „einen  Plan  zur  Stiftung  einer
neuen  österreichischen  Monarchie  ausarbeite.“  Dieselbe  hatte
damals  Venedig,  Tyrol,  den  Breisgau  und  die  anderen  Vorlande
verloren,  war  also  aus  dem  westlichen  und  südlichen  Deutschland
ausgewiesen,  und  als  Heilmittel  für  diese  Katastrophe  schreibt
nun  der  Rathgeber  des  kaiserlichen  Cabinets  folgende  gänzliche