234  Das  Donaureich  in  der  nouen  Ära.

Umwendung  vor:  „Wien  muss  aufhören,  Residenz  zu  sein,  die
deutschen  Staaten  als  Nebenländer  und  Grenzprovinzen  betrachtet,
der  Sitz  der  Regierung  tief  in  Ungarn  aufgeschlagen,  eine
neue  Constitution  für  dieses  Land  gemacht  werden.  Mit
Ungarn,  Böhmen,  Galizien  und  was  von  Deutschland  blieb,  behauptet
  man  sich  noch  gegen  die  Welt,  wenn  man  will.  Fiume
und  Triest  müssen  um  jeden  Preis  gerettet  werden  oder  wieder
erobert,  Alles  Übrige  in  grösster  Fülle  und  die  Grenzen  durch
Natur  und  einige  Kunst  so  zu  befestigen,  dass  der  Teufel  und
seine  Legionen  nicht  eindringen  können.  Wenn  dieses  befolgt
wird,  so  sollen  Preussen  und  Deutschland  zeitig  genug  bei  dieser
Monarchie  um  Hilfe  flehen.“

Als  Gentz  diese  Worte  schrieb,  hatte  wenige  Tage  torher,
am  17.  Juli,  die  Unterzeichnung  und  Veröffentlichung  der  Rheinbundsacte
  stattgefunden,  am  1.  August  wurde  dem  Reichstag  zu
Regensburg  die  Urkunde,  durch  welche  sich  die  Rheinbundfürsten
von  dem  deutschen  Reiche  lossagten,  und  zugleich  die  Erklärung
überreicht,  dass  Napoleon  das  deutsche  Reich  nicht  mehr  als
existirend  anerkenne.  In  demselben  Augenblick,  als  Gentz  seinen
Plan  eines  neuen  Österreich  entwarf,  hatte  er  die  Redaction  der
Erklärung,  mit  welcher  Franz  II.  unterm  6.  August  die  deutsche
Kaiserkrone  niederlegte,  vollendet.

So  eifrig  sich  der  Pentarchist  bemüht,  Österreich  im  Osten
(denn  Deutschland  betrachtete  er  als  das  Arbeitsfeld  einer
preussischen  Conföderation)  die  Zukunft  seiner  Grösse  und  Macht
auszumalen,  so  macht  es  ihm  doch  auch  Vergnügen,  seinem
Schützling,  indem  er  ihn  nach  dem  Rettungshafen  vorwärts  schickt,
kleine  Stiche  zu  versetzen.  Nicht  einmal  dem  Gentz’schen  Entwurf
  möchte  er  den  Ruhm  der  Originalität  lassen  und  deutet
an,  dass  die  Idee  des  Briefes  an  Johannes  Müller  einem  französischen
  Lichtblick  entlehnt  sei.  Talleyrand  soll  nach  dem
Unglückstage  von  Ulm,  (17.  October  1805)  sein  geistreiches  Memoire,
  wonach  Österreich  auf  die  Donau  bis  zum  Schwarzen
Meere  angewiesen  und  für  seine  Verluste  im  Westen  mit  Serbien,
der  Walachei  und  Bulgarien  ausgestattet  werden  sollte,  dem
Kaiser  Napoleon  vorgelegt  und  auch  dem  Wiener  Hofe  vertraulich
mitgetheilt  haben.

Das  Unglück  des  Tages  von  Ulm  nahm  sich  aber  geraume
Zeit,  um  sich  zu  entwickeln;  erst  kam  die  Sonne  von  Austerlitz
(am  3.  December),  dann  der  Pressburger  Frieden  (vom  26.  De-