Das  Donaureich  In  der  neuen  Ära,  235

cember),  welcher  Baden,  Württemberg  und  Baiern  die  volle
Souveränetät  gab,  und  im  Frühjahr  und  Sommer  des  Jahres  1806
arbeitete  Talleyrand  an  der  Vollendung  des  Unglücks  in  einem
so  tiefen  Geheimniss,  dass  die  Cahinette  Österreichs,  Preussens
und  Russlands  erst  durch  die  öffentlichen  Erklärungen  seit  dem
Ende  des  Juli,  von  dem  Abschluss  der  Rheinbundsacte  unterrichtet
  wurden.  Unterm  Druck  dieser  wachsenden  Pein  war
also  Gentz  seinen  eigenen  Betrachtungen  über  Österreichs  Zukunft
überlassen.

Jedoch  war  auch  sein  Spruch  nicht  als  Offenbarung  vom
Himmel  gekommen.  Maria  Theresia  hatte  den  Ersatz  für  ihr
durch  Friedrich  II.  gebrochenes  Heer  im  Juni  1741  aus  Ungarn
geholt;  Prinz  Eugen,  ein  politisches  wie  militärisches  Genie,
stärkte  in  seinen  Türkenkriegen  und  im  Frieden  von  Passarowitz
(1718)  die  ungarische  Position  der  Monarchie  durch  die  Erwerbung
  der  kleinen  Walachei,  eines  'Theils  von  Serbien  mit  Belgrad
und  eines  Theils  von  Bosnien.  Joseph’s  II.  Armee  kämpfte  seit
1788  an  der  Seite  der  russischen  und  sollte  ihrem  Herrn  an  der
Donau  nach  der  mit  Katharina  verabredeten  Theilung  der  Türkei
nicht  nur  die  Einbussen  des  Belgrader  Vertrags  von  1739,  sondern
auch  neben  der  kleinen  Walachei  und  Serbien  und  Bosnien  die
festländischen  Besitzungen  Venedigs  und  für  die  Sicherung  der
südlichen  Erblande  und  Ungarns,  Istrien  und  Dalmatien  mit  der
Schärfe  des  Schwertes  einbringen.

Da  kündigte  sich  in  unheilvollen  blutrothen  Streifen  das
Grauen  eines  Morgens  an,  aus  welchem  sich  später  der  sengende
Tag  von  Königgrätz  entwickelte,  und  Friedrich  Wilhelm  II.
von  Preussen  zwang  Leopold,  den  Nachfolger  Joseph's  zu  Reichenbach
  (1790),  auf  alle  Eroberungen  an  der  Donau  Verzicht  zu
leisten.

Der  Druck  der  Fesseln,  welche  Österreich  nach  dem  Sturz
der  Napoleonischen  Continentalherrschaft  an  die  heilige  Allianz
und  politische  Censur  Petersburgs  ketteten,  vermochte  nicht  die
Erinnerung  an  Gentz’ens  Spruch  von  der  ungarischen  Warte  des
österreichischen  Heerlagers  in  den  Staatsmännern  \Wiens  zu
unterdrücken.  Graf  Buol  Schauenstein  sagte  zu  Fr.  Perthes  (siehe
dessen  Leben)  im  Jahre  1816,  „das  Interesse  Österreichs  fordere
die  Verlegung  der  Residenz  von  Wien  nach  Ofen.“  Metternich
konnte  sich  im  Türkenkrieg  der  Jahre  1828  und  1829  mit  geheimer
  Zustimmung  und  Besorgniss  der  russischen  Staatsmänner