Das  Donaureich  in  der  neuen  Ära,  243

hatten,  erklärten  sie  der  deutschen  und  slawischen  Nationalität
ihres  Reiches  den  Vernichtungskrieg  und  Koloman  Tisza  drohte
ala  Minister  im  Abgeordnetenhaus  1876  bei  Gelegenheit  einer
solchen  Sprachenfehde  den  Unzufriedenen,  die  magyarische
Nationalität  werde  solche  Feinde  des  ungarischen  Vaterlandes
nit  ihrer  Kraft  zerstampfen.  Mit  sicherer  Hand  gewöhnten  die
Magyaren  Kroatien  an  ihre  Oberleitung,  ihren  festen  Griff  bewiesen
  sie,  als  sie  die  Militärgrenze,  diese  Stiftung  der  Kaiser,
seit  1868  Stück  für  Stück  dem  Reich  der  Stephanskrone  angliederten,
  und  stillschweigend  harren  sie,  während  sie  die
Regungen  der  Nationalitäten  in  dem  jetzigen  Bereich  ihrer
Herrschaft  niederdrücken,  des  Augenblicks,  wo  sie  die  Westhälfte
der  Gesammtmonarchie  von  der  südlichen  Küste  aus  umklammern
  können.

Es  gilt  Dalmatien,  welches  die  Südslawen  Ungarns  als
integrirenden  Theil  ihres  dreieinigen  Ideal-Königreichs  Kroatien,
Slavonien  und  Dalmatien  betrachten.  Dieses  Küstenland,  von
der  Wiener  Regierung  vernachlässigt,  ist  zwar  beim  Ausgleich
von  1867  zu  dem  cisleithanischen  Länderbezirk  geschlagen,
wird  aber  von  demselben  durch  Kroatien  und  die  Militärgrenze
abgesperrt.  Von  hier  aus  hat  Venedig  seit  den  letzten  Jahrhunderten
  des  Mittelalters  bis  zum  Sturz  durch  die  französische
Republik  aus  den  Slawen  der  langen  Küste  seine  Matrosen  und
slavonischen  Regimenter  bezogen,  es  hat  die  Städte  mit  Italienern
bevölkert  und  cultivirt  und  von  den  günstig  gelegenen  Häfen
aus  das  adriatische  Meer  beherrscht.  Vergebens  hatten  die
ungarischen  Könige  diese  kroatische  Küste  gegen  die  Fürstin
der  Lagunen  zu  bellaupten  gesucht,  bis  ihre  Schwäche  und
Mittellosigkeit  im  Jahre  1415  sie  zwang,  ihre  unausführbaren
Ansprüche  an  Venedig  für  hunderttausend  Ducaten  zu  verkaufen.
Das  Andenken  an  diesen  kurzen  und  unsichern  Besitz  genügt
aber  den  jetzigen  Magyaren,  um  ihr  Anrecht  an  demselben  zu

begründen,  jetzt  glauben  sie  durch  ihre  Ausgleichsverl

mit  Kroatien  ihren  modernen  Rechtstitel  vollkommen  erneuert
zu  haben,  und  die  Aussicht  dazu,  Cisleithanien  als  ein  Binnenland
  sammt  dem  ewigen  Zwist  seiner  fendalen  und  kirchlichen
Interessen  von  der  Sce,  für  welche  die  Czechen,  Polen  und
missgestinmten  Deutschen  sich  doch  nicht  enthusiasmiren,  abzusperren,
  wird  sie  zu  gelegener  Zeit  für  den  festen  Grifl,  an  den
ihre  Hand  gewöhnt  ist,  bereit  finden.

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