Das  Donaureich  in  der  neuen  Ära.  215

Oesterreichs  in  dieser  vorgeschobenen  Position  tragen?  Die
Deutschen  Cisleithaniens,  die  für  die  Slawen  der  Türkei  so  wenig
wie  für  das  Küstenland  Dalmatiens  ein  theilnehmendes  Auge
hatten  und  unter  dem  Druck  dieser  neuen  Aufgabe  stöhnten  ?
Also  die  Magyaren  Ungarns,  für  deren  Machterweiterung  im
Osten  die  Deutschen  und  Slawen  Cisleithaniens  Opfer  an  Menschen
und  Gold  darbringen  sollten?

So  wirkt  das  immere  Missgeschick  des  neuen  Oesterreichs
auch  im  scheinbar  günstigsten  Einfall  des  Glücks  und  wir  können,
nach  den  bisherigen  lirlebuissen  dieser  Geburt  des  Jahres  1866
nur  zu  dem  Resultat  gelangen,  dass  sie  zu  den  schwächsten
Schöpfungen  der  neuen  Ära  gehört.

Freilich  konnte  Bismarck  in  jenem  Jahr  von  Königgrätz
nur  ein  schwaches  Österreich  haben  wollen;  -——  wie  aber,
wenn  er  ein  starkes  braucht  und  durchaus  nöthig  hat?  Und
dieser  Augenblick  wird,  wie  wir  schen  werden,  bald  eintreten,
zuvor  werden  wir  aber  darstellen,  wie  über  den  Stifter  der  neuen
Ara  selbst  das  Gefühl  der  Stockung  kommt.

XXI.
Stillstand  der  Geschichte  in  der  neuen  Ära.

Ein  Reichsstifter  der  Urzeit  und  Streiter  vor  dem  IIerrn,
Josua,  der  Sohn  Nuns,  gebot  im  Genuss  eines  grossen  Prfolges
dem  Zeitlauf  inne  zu  halten  und  rief  in  Gegenwart  der  Kinder
Israel:  „Sonne  steh’  stille  zu  Gibeon  und  Mond,  im  Thale  \jalon!“

Ähnlich  lautete  das  geflügelte  Wort,  welches  Bismarck  nach
den  Berliner  Blättern  vom  10.  September  1872  an  die  Deputation
der  Väter  der  Stadt  richtete,  als  diese  ihm  die  Urkunde  seiner
Aufnahme  in  die  Reihe  der  Ehrenbürger  der  Hauptstadt  Preussens
überreichten.  Weder  die  Erhebung  Berlins  zum  Mittelpunkt  des
norddeutschen  Bundes,  noch  das  Versailler  PBreigniss  vom
18.  Januar  1871,  die  Verkündigung  des  Königs  Wilhelm  als
deutschen  Kaisers,  eben  so  wenig  der  Abschluss  des  Friedens  mit
Frankreich  erschien  den  Vätern  der  Stadt  als  der  volle  Aufgang
der  Herrlichkeit  des  alten  lIohenzollernsitzes.  Sondern  jetzt
erst,  als  die  Kaiser  von  Österreich  und  Russland  in  der  Spreestadt
dem  deutschen  Kaiser  die  Hand  gereicht  und,  wie  man  hoffte,  das