246  Stillstand  der  Geschichte  in  der  neuen  Ära.

Friedenswerk  für  Europa  vollendet  hatten,  fühlten  sie  sich  gedrungen,
  den  Mann,  der  mit  Rath  und  That  seit  zehn  Jahren
diese  Wendung  der  Geschichte  geleitet  hatte,  in  die  Mitte  ihrer
Bürgerschaft  aufzunehmen.  Und  Bismarck  glaubte  ganz  nach
dem  Herzen  seiner  Mitbürger  zu  sprechen,  indem  er,  nach  einer
starken  Betonung  des  friedlichen  Zwecks  jener  freundschaftlichen
Begegnung  der  drei  Kaiser  erklärte,  „er  würde  nichts  dagegen
haben,  wenn  nach  dem  Grossen,  was  man  erlebt,  die  Weltgeschichte
  eine  Weile  stehen  zu  bleiben  scheine.“

Bei  aller  Berührung  dieses  geflügelten  Worts  mit  dem  Zuruf
Josua’s  an  die  Sonne  des  Tages  von  Gibeon  herrscht  zwischen
beiden  Aussprüchen  doch  auch  ein  tiefgehender  Unterschied.  Der
Sohn  Nuns  gebot  der  Sonne  stille  zu  halten,  damit  er  einen  Sieg
vollende,  den  fliehenden  Feind  vernichte  und  „das  Volk  Israel
an  demselben  räche;“  Bismarck’s  Wort  klang  dagegen  wie  ein
Stossseufzer  über  die  möglichen  Folgen  der  Septembertage,
ja,  wie  die  Ahnung,  dass  der  Kanonendonner  von  Königgrätz  und
Sedan  auf  einem  vielleicht  noch  grösseren  Welttheater  seinen
Nachklang  finden  möge.

Am  besten  verstand  man  diesen  Stossseufzer  nach  dem
Stillstand  der  Weltgeschichte  im  Cabinet  des  russischen  Reichskanzleıs!
  Russland  hatte  schon  im  Frühjahr  vorher  einen
gleichen  Wink  erhalten.  Das  Telegramm,  in  welchem  Kaiser
Wilhelm  am  27.  Februar  1871  aus  Versailles  den  Tags  zuvor
erfolgten  Abschluss  der  Friedenspräliminarien  dem  Zaren  meldete
und  demselben  ewige  Dankbarkeit  für  seine  Einschränkung  des
Krieges  in  engere  Grenzen  versicherte,  hatte  in  den  Vasallenreichen
  des  Sultans  elektrisch  gewirkt  und  man  rechnete  in  densclben
  mit  Bestimmtheit  darauf,  dass  dieSlawen  der  Türkei  nun
an  der  Vergeltung  theilnehmen  würden,  welche  Russland  für  die
Niederhaltung  Österreichs  während  des  deutsch  -  französischen
Krieges  gewiss  wäre.  Wenige  Wochen  nach  der  Veröffentlichung
jenes  Telegramms  klopfte  die  Regierung  Serbiens  bei  der  Pforte
mit  einer  Denkschrift  an  und  erkundigte  sich  bei  ihr  vorläufig,
was  sie  zu  einer  Abtretung  Bosniens  und  der  Herzegowina
oder  zur  administrativen  Vereinigung  beider  Provinzen  mit
Serbien  unter  türkischer  Oberhoheit  meine;  che  sich  jedoch  die
Pforte  gegen  diesen  Vorschlag  erklärte,  schritten  Russland  und
Österreich  mit  ihrer  Missbilligung  gegen  eine  solche  YVoreiligkeit
  ein.