Stillstand  der  Geschichte  in  der  neuen  Ära.  247

Ein  halbes  Jahr  später  hielt  Ristitsch,  der  Vertreter  der
grossserbischen  Idee  in  Belgrad,  die  Zeit  für  reifer  und  bewirkte
im  Herbst  1871  die  Reise  des  Fürsten  Milan  nach  Livadia.
Der  junge,  damals  noch  unmündige  Prinz  fand  von  Seiten  der
kaiserlichen  Familie  eine  ausserordentliche  Aufnahme  und  die
officielle  Zeitung  von  Belgrad  hob  in  ihrer  Beschreibung  der
Reise  besonders  hervor,  wie  der  Zar  den  Fürsten  mit  den
Worten  begrüsste:  „ich  empfange  Ew.  Hoheit  wie  mein  eigen
Kind.“

Die  Allarmrufe,  welche  das  Ereigniss  von  Livadia  in  Pesth
und  Stambul  hervorrief,  wurden  zwar  durch  die  offieiösesten
Erklärungen  von  Petersburg  aus  beschwichtigt;  der  dortige
„Regierungsbote“  vom  14.  December  gab  sogar  dem  Panslawismus
  den  entschiedensten  Abschied  und  erklärte  sich  gegen
die  Bestrebungen  Derjenigen,  die  in  Widerspruch  mit  der  von
Russland  seit  1856  bewiesenen  Friedensliebe  zu  einem  Bruche
mit  derselben  drängen  und  auch  im  Osten  die  Saat  nationalen
Widerstreits  ausstreuen  wollen.  Russland  stand  damals  unter
dem  Eindrucke  der  Zusammenkünfte  von  Gastein  und  Salzburg,
  in  welchen  Preussen  und  Österreich  ihr  freundschaftliches
Einverständniss  besiegelt  hatten.

Gleichwohl  hielt  sich  Ristitsch  durch  jene  Petersburger
Zurückweisung  noch  nicht  für  völlig  geschlagen  und  erhob  nach
der  Rückkehr  Milan’s  von  Livadia  gegen  die  Pforte  den  Anspruch
seines  Landes  auf  die  Räumung  des  Fleckens  Klein-Zwornik,
welches  die  Türken  zur  Sicherung  ihres  gegenüberliegenden
Gross-Zwomik  nach  der  Räumung  des  serbischen  Gebiets  im
Jahre  1862,  auch  nach  der  von  Beust  bewirkten  Zurückziehung
ihrer  Besatzung  aus  Belgrad  (1868)  noch  in  Besitz  gehalten
hatten.

Russland  schwieg,  als  die  Grenzfrage  um  ein  Dorf  mit
nicht  mehr  als  300  muhamedanischen  Bewohnern  einen  slawischtürkischen
  Krieg  hervorzurufen  schien.  Andrerseits  ciferten  die
Wiener  Gegner  Andrassy’s  wider  das  Gasteiner  Abkommen,
welches  im  Herbst  den  Sturz  des  Kanzlers  Beust,  den  Sieg  des
ungarischen  Magnaten  und  den  Fall  des  föderalistischen  Systemes
für  Österreich  entschieden  hatte,  ohne  dass  diese  Opfer  dem
Kaiserstaat  irgend  eine  Frucht  einbrachten.  Im  Laufe  des
Winters  meldeten  sodann  französische  Blätter,  dass  Radowitz,
ehe  er  an  Stelle  des  erkrankten  Kaiserlingk  als  Geschäftsträger