248  Stillstand  der  Geschichte  in  der  neuen  Ära.

nach  Konstantinopel  kam,  als  diplomatischer  Agent  in  Bukarest
mit  dem  dortigen  russischen  Generalconsul  Offenberg  immer  in
Kinverständniss  handelte  und  der  deutsche  Generaleonsul  Rosen
in  Belgrad  mit  seinem  dortigen  russischen  Collegen  dieselbe
Sprache  führte.  Endlich  behauptete  der  langjährige  Belgrader
Gorrespondent  der  Augsburger  „Allgemeinen  Zeitung,“  dass
Bismarck  die  serbischen  Forderungen  durch  eine  Note  unterstützt
  habe,  und  hielt  seine  Mittheilung  auch  in  einer  Correspondenz
  vom  2.  Mai  gegen  den  Widerspruch  der  „Norddeutschen
Allgemeinen  Zeitung“  aufrecht,  worauf  sofort  die  schmetternde
Erklärung  des  deutschen  „Reichsanzeigers“  vom  6.  Mai  1872
erfolgte,  dass  diese  Behauptung  vollständig  falsch  und  keine
Note,  keine  Anweisung,  keine  Mittheilung  in  diesem  oder  einem
ähnlichen  Sinne  abgefasst  sei.

Diese  entscheidende  Erklärung  erschien  gerade  in  dem
Augenblicke,  als  Kaiser  Franz  Joseph  das  von  einer  Überschwemmung
  heimgesuchte  südliche  Ungarn  bereiste,  die  Huldigungen
  der  ungarischen  Serben  entgegennahm  und  die
Deputation  der  Stadt  Neusatz,  des  Heerdes  der  grossserbischen
Agitation,  an  die  Pflichten  gegen  Souverän  und  Staat  erinnerte.
Die  Pforte  hatte  zur  Begrüssung  des  Kaisers  eine  ausserordentliche
  Gesandtschaft  geschickt,  die  Belgrader  Regentschaft  dagegen
die  Gelegenheit,  da  der  Monarch  die  Grenze  des  Fürstenthums
licht  berührte,  zu  einer  Demonstration  benutzt  und  sich  in
Stummheit  gehüllt;  auch  von  Bukarest  war  kein  „Orator“
erschienen.

Aber  der  Schlag,  den  der  deutsche  „Reichsanzeiger"  geführt
hatte,  wirkte  in  der  slawischen  Welt  von  Prag  und  Agram  bis
nach  Moskau  und  gab  dem  Cahbinet  von  Petersburg  auf  unzweifelhafte
  Weise  zu  erkennen,  dass  der  deutsche  Reichskanzler
in  der  orientalischen  Politik  zu  einer  Beschädigung  der  österreichischen
  Interessen  nicht  die  Hand  reichen  würde.

Dieser  nicht  zu  verkennende  Wink  wurde  Ende  des  Juli
1872,  als  die  bevorstehende  Zusammenkunft  der  drei  Kaiser  alle
\WVelt  beschäftigte,  durch  ein  ncues  geflügeltes  Wort  des  Kanzlers
ergänzt,  für  dessen  Verbreitung  die  Berliner  officiösen  Correspondenten
  Sorge  trugen.  Es  lautete:  „ich  treibe  weder  russische
Politik,  aber  noch  weniger  westmächtliche,  oder  gar  österreichische.
  Die  Diplomatie  muss  schon  mit  meiner  deutschen
Art  zu  rechnen  vorlieb  nehmen!“  Ausser  dem  Wink  für  Russ-