260  Stillstand  der  Geschichte  in  der  neuen  Ära.

Noch  vor  dem  linde  des  September  erhob  Montenegro  seinen
alten  Ruf  nach  einer  Grenzberichtigung,  erncuerte  Serbien  seine
Ansprüche  auf  Klein-Zwornik.  Im  Juni  1873  hielt  es  der  Sultan
für  nothwendig,  an  die  Befestigung  Konstantinopels  zu  denken
und  sich  gegen  die  Unruhe,  die  in  die  Slawenstimme  seines
Reichs  gekommen  war,  zu  stärken.  Gleichzeitig  brach  in  Bosnien
  der  Aufstand  aus  und  machte  sich  eine  bosnische  Deputation
auf  den  Weg  nach  Wien.  Wieder  ein  Jahr  später,  im  Juli  1874
machte  Ignatieff,  der  Vertreter  Russlands  in  Stambul,  nachdem
er  sich  beim  ökumenischen  Patriarchen  im  Fanar  vergebens
bemüht  hatte,  die  Klostergemeinschaft  des  Athos  unter  die
geistliche  Regentschaft  der  dortigen  russischen  Confratres  zu
bringen,  einen  Ausflug  nach  dem  romantischen  Felsengebirge
und  lud  zum  Genuss  dieser  Sommerfrische  auch  seine  Collegen
von  Deutschland  und  Nordamerika  als  Begleiter  ein.  Die  Vertreter
  dieser  mächtigen  Reiche  genossen  dann  mit  ihm  auf  der
Rückkehr  durch  die  Bulgarischen  Ansiedelungen  des  Festlandes
neben  dem  Anblick  interessanter  Örtlichkeiten  die  Erinnerungen
an  das  classische  Alterthum,  während  der  diplomatische  General
die  Elemente  für  ein  künftiges  Königreich  studirte  und  befruchtete,
  zu  welchem  er  in  einer  fünfjährigen  Anstrengung  für
die  Losreissung  der  bulgarischen  Gemeinden  aus  dem  kirchlichen
Zusammenhange  mit  dem  ökumenischen  Patriarchen  zu  Stambul
den  Grund  gelegt  hatte.

Die  Berliner  Berathungen  der  drei  kaiserlichen  Kanzler,
die  im  Mai  1875  sich  mit  der  friedlichen  Regulirung  der  orientalischen
  Angelegenheiten  beschäftigten,  wurden  zwar  schon  von
den  Flammen  des  wachsenden  Aufstandes  der  Herzegowina
beleuchtet,  aber  bei  weitem  mehr  als  die  Zukunft  des  Orients
zog  eine  brennende  Kriegsgefahr,  welche  die  Ruhe  des  westlichen
  Europa  zu  bedrohen  schien,  die  allgemeine  Aufmerksamkeit
auf  sich.  Diese  näher  liegende  Gefahr  war  auch  zwischen  den
beiden  nordischen  Reichskanzlern  in  sehr  lebhafter  Weise  zur
Sprache  gekommen  und  Gortschakofl’s  Geschäftigkeit,  den  angeblich
  glimmenden  Brand  im  Westen  zu  löschen,  trug  nicht
wenig  dazu  bei,  die  Stimmung  der  beiden  Staatsmänner  zu
trüben  und  namentlich  in  Bismarck  eine  lebhafte  Erregtheit
gegen  seinen  nordischen  Collegen  hervorzurufen.

In  diesen  Kaiser-  und  Kanzlertagen  trat  jene  Spannung
zwischen  Preussen  und  Russland,  welche  im  Herbst  des  Jahres