252  Stillstand  der  Geschichte  in  der  nouen  Ära.

die  Nachricht  officiöser  Blätter  erschreckt,  dass  der  Unterlegene
von  Sedan  der  Einzige  sei,  der  die  Angelegenheiten  Frankreichs
in  Ordnung  bringen  und  die  Beziehungen  zum  Ausland  regeln
könne.  Man  brauchte  nicht  in  die  Verwünschungen  eingestimmt
zu  haben,  mit  welchen  die  deutschen  \WVortführer  im  Juli  1870
den  Kaiser  Napoleon  III.  überhäuften;  man  konnte  demselben
auf  dem  Boden  der  historischen  Beurtheilung  zugestehen,  dass
er  kein  blosser  Diftler,  oder  wie  er  im  Bismarck’schen  Kreise
hiess,  kein  „Tiefenbacher“,  sondern  der  eigentliche  Begründer  und
Vorarbeiter  der  neuen  europäischen  Ära  war,  und  dennoch  konnte
man  in  der  Idee,  ihn,  den  schlechthin  Besiegten  zum  Zweck  eines
Friedensschlusses  aus  dem  Fall  wieder  aufzurichten,  nur  etwas
Gespenstisches  sehen.  Ein  Träger  des  Tmperialismus,  wenn  er
völlig  besiegt  ist,  gehört,  wie  auch  Napoleon  I.  erfahren  hat,  zu
den  unmöglich  gewordenen  Grössen.  Das  Verbrechen,  welches
die  Berliner  Offieiösen  noch  im  Herbst  des  vorigen  Jahres  Russland
vorwarfen,  bestand  darin,  dass  es  dem  Gespenst  für  immer  den
Abschied  gab  und  sich  durch  einen  Geschäftsträger  mit  der  republikanischen
  Regierung,  der  Rettterin  von  Frankreichs  Ehre,  in
völkerrechtliche  Beziehung  setzte.

In  der  schwülen  Atmosphäre,  die  sich  während  der  letzten
Tage  des  August  1870,  nach  den  Schlachten  bei  Metz  über  Europa
lagerte,  fühlte  man  sowohl  in  den  russischen  Volkskreisen  als  in
den  obersten  Regionen  des  Reichs  „patriotische  Beklemmungen.“
Die  russische  Presse,  schon  vor  dem  Ausb:uch  des  französischen
Kriegs  sehr  missgünstig  gegen  Preussen  gestimmt,  forderte  nach
dem  Tage  von  Sedan  Unterstützung  Frankreichs,  nachdem  es  den
Russland  verhassten  Urheber  des  Krimkriegs  losgeworden  sei.
In  den  letzten  Tagen  des  August  sprach  man  in  Wiener  Blättern
von  einer  diplomatischen  Annäherung  Russlands  an  Österreich.
Das  mit  der  Kanzlei  des  Türsten  Gortschakoff  in  Beziehungen
stehende  „Journal  de  St.  Petersburg"  gab  diesem  Drängen
der  nationalrussischen  Partei  und  Presse  in  den  Tagen  nach  dem
Freigniss  von  Sedan  soweit  nach,  dass  es  die  Annexion  von  Elsass
und  Lothringen  für  Deutschland  als  schädlich  und  als  den  Quell
eines  späteren  aber  unausbleiblichen  Rachekriegs  bezeichnete  und
dem  Sieger  rieth,  sich  mit  der  Schleifung  der  Festungswerke  von
Metz  und  Strassburg  zu  begnügen.

Jenen  schwülen  Tagen  gehört  das  Wort  Bismarck’s  an:  „also
ist  es  doch  wahr,  dass  uns  der  Kaiser  unsere  Siege  nicht  gönnt?"