Stillstand  der  Geschichte  in  der  neuen  Ära,  263

Allein  die  Ereignisse  bewiesen,  dass  die  Freundschaft  des  Kaisers
von  Russland  zu  dem  königlichen  Sieger  von  Metz  und  Sedan  über
das  Drängen  der  russischen  Partei  das  Übergewicht  behauptete,
und  Fürst  Gortschakoff  beruhigte  sich  und  die  russische  Partei
dureh  die  Rücksichtslosigkeit,  mit  der  er,  ohne  sich  vorher  mit
Preussen  in  Einvernehmen  zu  setzen,  im  Oktober  die  Fessel,  mit
weleher  der  Pariser  Friede  von  1856  Russlands  Kriegsmacht  auf
dem  Schwarzen  Meere  eingeengt  hatte,  seinem  Reiche  abnahm.

Jedoch  wälhrte  diese  Beruhigung  nicht  lange  und  als  der
deutsche  Kaiser  und  der  Kaiser  von  Österreich  im  Hochsommer
1871  zu  Ischl  zusammenkamen,  erwachte  die  Antipathie  der
russischen  Presse  von  Neuem  in  ihrer  alten  Kraft;  der  „Golos“
erblickte  in  dieser  fntrevue  die  Vorbereitung  eines  Schutz-  und
Trutzbündnisses  gegen  Russland  und  schrieb  in  der  Mitte  des
August:  „im  Jahr  1863  schloss  Preussen  ein  Bündniss  mit  Österreich
  gegen  Dänemark,  im  Jahr  I865  ein  Bündniss  mit  Italien
gegen  Österreich,  im  Jahr  1870  bewarb  es  sich  um  ein  Bündniss
mit  Russland  und  der  conservativen  Politik  Russlands  hat  cs  seine
glänzenden  Siege  über  Frankreich  zu  verdanken;  heute  wendet  es
sich  wieder  Österreich  zu,  um  dasselbe  gegen  Russland  zu  gewinnen
  und  mit  ihm  gemeinschaftlich  die  von  auswärtigen  Blättern
Russland  zugeschriebenen  panslawistischen  Tendenzen  zu  bekämpfen.“


Diese  Stinmmung  der  altrussischen  Partei  und  Gortschakofl’s
Annäherung  an  die  provisorische  Regierung  Frankreichs  erklären
Bismarck’s  Sehnsucht  nach  einer  Pause  im  bisherigen  stürmischen
Verlauf  der  Weltgeschichte,  setzen  es  aber  auch  ausser  Zweifel,
dass  der  russische  Reichskanzler  den  Berliner  Seufzer  der  Septembertage
  vom  Jahr  1872  sehr  wohl  verstand.

Der  Berliner  leitende  Staatsmann  gab  aber  durch  seine  eigene
unruhige  Thätigkeit  auf  dem  Gebiet  der  grossen  Politik  dem  Rivalen
  an  der  Newa  selbst  die  Gelegenheit  dazu,  ihm  zu  zeigen,
dass  er  am  Schachbrett  der  „Weltgeschichte“  auch  seinen  Platz
behaupten  wolle.

Eine  Kleinigkeit  leitete  den  offenen  Zweikampf  ein.  Bismarck,
  der  die  europäische  Politik  vom  Standpunkt  seines  heimischen
  Culturkampfes  aus  betrachtete,  beschloss,  die  Stellung
des  spanischen  Prätendenten  Don  Carlos  durch  die  Stärkung  der
Madrider  republikanischen  Regierung  zu  untergraben,  und  warb
bei  den  Cabinetten  um  die  Anerkennung  des  Regenten  Serrano,