Die  Lyrik  der  Nationalzeitung.  261

frage,  in  der  Sitzung  des  norddeutschen  Reichstags  vom  21.  Mai
1869,  statt  des  verlangten  Brotes  einen  Stein  gegeben  hatte.
Er  schilderte  die  hinreissende,  aber  gefährliche  und  für  die
Lenkung  des  Staatsruders  übel  angebrachte  Macht  des  Rednertalents;
  er  verglich  diese  Macht  mit  derjenigen  der  Musik  und
Improvisation,  nur  wollte  er  die  Herrschaft  des  dichterischen
Improvisators  über  Sprache  und  Gedanken  wie  über  die  Gemüther
  der  parlamentarischen  Zuhörer  noch  nicht  als  den  Beweis
der  Staatskunst  anerkennen.

Indessen  hat  diese  musikalische  und  poetische  Begabung
Lasker’s,  der  Erfolg,  den  der  Improvisator  in  der  Einübung
seiner  Partei  und  Zeitung  zu  gleicher  künstlerischer  Stimmung
davontrug,  dem  leitenden  Staatsmann  doch  auch  manche  angenelıme
  Stimmung  bereitet  und,  wenn  er  die  Scenerie  der
äussersten  Kunstleistung,  kurz  vor  dem  Zusammenbruch  der
Partei  und  ihres  oratorischen  Führers  als  ein  uninteressirter
Zuschauer  mit  Seelenruhe  hätte  geniessen  können,  so  würde
er  sie  als  das  Non  plus  ultra  der  Improvisation  »mit  seinem
Beifall  belohnt  haben.

Als  die  Römer  ihren  parlamentarischen  Conflict  zwischen
Volksrecht  und  Alleinherrschaft  auf  den  Schlachtfeldern  erledigt
hatten,  übernahmen  Horaz,  Virgil  und  Ovid  des  Geschäft  der
Poesie  und  feierten  den  Sieger.  Dem  Mächtigen  dagegen,  der
sich  die  ungetheilte  Last  der  Execution  auflud,  blieb  es  überlassen,
  wie  er  mit  den  Nachzuckungen  des  Conflicts  in  der
Mitte  der  versammelten  Väter  fertig  würde.

Hundert  Jahre  lang  sah  man  diesem  Läuterungsprocess  mit
starrem  Staunen  zu.  Nach  seiner  Beendigung  trat  an  die  Stelle
der  Arbeitstheilung  die  Vermischung  der  Geschäfte:  —  die
Poesie  zog  in  den  Senat,  das  gereinigte  Parlament  ein.  Jetzt
entzückt  Plinius  die  versammelten  Väter  mit  der  poetischen
Prosa  seines  Panegyrikus  auf  Trajan,  den  Begründer  der  neuen
Ära,  und  verräth  uns  in  der  Rührung  dieses  Vortrags,  dass  der
Senat  seine  unschuldigen  Berathungen  öfters  mit  einem  Chorgesang
  zu  Ehren  des  Gebieters  unterbrach.

Dem  gesteigerten  Geschmack  unserer  Zeit  will  aber  diese
Verbindung  der  Amtsarbeit  und  der  poetischen  Verherrlichung
der  Macht  noch  nicht  genügen.  Nicht  zufrieden  mit  der  Vermischung
  der  Poesie  und  Prosa,  —  beschäftigt  mit  dem  Zusammenwerfen
  der  besonderen  Kunstformen  für  das  Kunstwerk