262  Die  Lyrik  der  Nationalzeitung.

der  Zukunft,  hat  sie  es  verstanden,  auch  die  strenge  Hantirung
der  Politik  mit  den  Reizen  der  Diehtkunst  auszustatten.  Jener
kindliche  Übergang  von  der  geschäftlichen  Debatte  zum  Canon
und  Chorgesang  war  ihrer  Combinationskraft  noch  zu  gering.
Mitten  aus  der  politischen  Verhandlung  wollte  sie  den  Sprudel
der  Poesie  hervorbrechen  sehen;  selbst  die  Schmerzenslaute  des
Confliets  sollten  gleich  einer  musikalischen  Coloratur  und  mit
der  getragenen  Würde  eines  Arioso  dahinfliessen.

Obwohl  frühere  Leistungen  Lasker’s  in  diesem  Zwittergenre
  nicht  zu  verachten  sind,  waren  doch  die  Arien,  die  er
in  den  Schluss  der  zweiten  und  dritten  Reichstagsberathung  des
Tarifgesetzes,  am  9.  und  12.  Juli  1879  einlegte,  das  Meisterwerk
der  Gattung.  Er  trug  sie  in  dem  Augenblicke  vor,  wo  in
ernsten  Trauerspielen  die  Bühne  sich  mit  Leichen  bedeckt;  es
war  wie  in  einer  italienischen  Oper,  wo  die  Primadonna,  indem
sie  die  tödtliche  Wunde  empfängt,  ihrem  brechenden  Herzen
in  einem  Bravourstück  noch  einmal  Luft  macht.

Seit  den  aufregenden  Percy-Auftritten  des  constituirenden
Reichstags  im  Frühjahr  1867  waren  die  National  -  Liberalen
Opfer  und  Meister  dieser  Kunstgattung.  Den  Kanzler  schwärmerisch
  verehren  und  ihn  vorwärts  treiben,  ihm  dienen  und
immer  neue  Ideale  zeigen,  brachte  ihnen  Gewinn  und  strenge
Verweise;  der  Mächtige  seinerseits  brauchte  und  zügelte  sie,
hätschelte  und  fuhr  sie  auch  mit  rauhen  Worten  an,  drückte  sie
an’s  Herz  und  an  die  Wand.

Die  leitenden  Wendungen  zu  jenen  Lasker'schen  Arien  der
Julitage  waren  ‘von  langer  Hand  her  in  der  National-Zeitung
vorbereitet  worden.  Die  Noth  war  dringend  in  jenem  verhängnissvollen
  Augenblick,  wo  der  Kanzler  im  Laufe  der  Reichstagsdebatte
  über  das  Socialistengesetz  (vom  9.  October  1878)
den  National-Liberalen  nach  dem  Zank  der  vorhergehenden  Tage
das  gefährliche  Bild  entrollte,  wie  sie  mit  den  beiden  conservativen
  Gruppen  zu  einer  „festen,  sich  gegenseitig  in  allen
Theilen  trauenden  Phalanx  zusammenwachsen.“  Um  die  ausschliessliche
  Ehe  mit  dem  Kanzler  war  es  geschehen  und  es
kam  nur  noch  darauf  an,  neben  den  beiden  andern  Gruppen,  die
sich  der  Mächtige  vermählt,  der  alten  Matrone  eine  Art  von
Vorzugsrecht  zu  sichern.  Bennigsen  beeilte  sich,  in  der  Sitzung
des  9.  October  den  neuen  Ehecontract  zu  retouchiren,
schmuggelte  in  denselben  die  volle  Gleichberechtigung  der