Die  Lyrik  der  Nationalzeitung.  268

liberalen  und  conservativen  Parteien  ein  und  malte  sie  mit
grellen  Farben  zur  „vollen  Selbstständigkeit“  der  Gruppen  aus.
Und  wiederum  Tags  darauf,  am  12.  October,  brachte  die
National-Zeitung  als  Leitartikel  ein  Hochzeitscarmen  und
feierte  die  Probe,  welche  die  im  Laufe  eines  Jahrzehnts  „geschmiedete“
  Verbindung  zwischen  Reichskanzler  und  National-Liberalen
  bestanden  hatte.  Auch  wollte  und  konnte  sie  nichts
dagegen  haben,  dass  der  Kanzler  sich  dazu  noch  die  conservativen
  Parteien  anschmiedet,  nur  sollte  nach  Bennigsen’s
Deutung  des  Ehepactes  „der  Weg  zu  den  Conservativen  doch
immer  über  den  Fürsten  Bismarck  führen.“

Die  Stichworte  dieses  Gedichts  erinnen  an  jene  amerikanische
  Art  von  Ehe,  wonach  sich  der  Mann  eine  beliebige
Auswahl  von  Genossinnen  anschmieden  oder  ansiegeln  lässt  und
die  Auserkorenen  nur  durch  die  Ansiegelung  an  denselben  Herrn
eine  eheliche  Phalanx  werden.

Als  aber  nun  der  Abgeordnete  Richter  in  der  Sitzung  vom
14.  October  diese  poetische  Deutung  der  Bennigsen’schen  Rede
Angesichts  der  strengen  Hausdisciplin  des  Eheheren  optimistisch
und  den  Leitartikel  der  National-Zeitung  einen  überschwenglichen
Dithyrambus  nannte,  ward  das  Blatt  doch  etwas  irre.  Es
ging  in  sich,  fühlte,  dass  die  Zeit  für  Liebeslieder  vorbei  sei
und  wechselte  das  poetische  Gewand.  Es  nannte  sich  nun  den
Chor  der  antiken  Tragödie  und  wollte  nach  Art  dieses  alten
Wächters  des  göttlichen  Rechts,  dem  sie  eine  bis  dahin  unbekannte
  Blasirtheit  und  Gleichgültigkeit  gegen  den  Hader  der
Bühnenhelden  zuschrieb,  sich  darauf  beschränken,  die  freisinnige
Bevölkerung  nur  von  der  Thatsache  des  Bundes  zwischen  Kanzler
und  nationalliberaler  Partei  zu  unterhalten.  Die  Partei  und  ihr
Blatt  hatten  die  Lust  und  die  Kraft  dazu  verloren,  das  Eheund
  Hausgeheimniss  auch  nur  zu  erwägen  und  zu  besprechen.

Während  diese  innere  Öde  und  Blasirtheit  die  Partei  zermürbte,
  kündigte  sich  bei  Gelegenheit  der  Tariffrage  eine  neue
Gefahr  an.  Eine  durch  Freundschaftsdienste  und  Freundschafts-Erwiderungen
  noch  nicht  ausgenutzte  Gruppe,  das  Centrum,
zeigte  sich  geneigt  dazu,  sich  neben  den  conservativen  Compagnieen
  dem  Mächtigen  „anschmieden“  zu  lassen,  also  auch  die
Führung,  die  den  geschwächten  Kräften  der  Nationalliberalen
entglitt,  zu  übernehmen.  Jetzt  blieb  der  National-Zeitung  nur
noch  das  Trauergewand  der  Elegie  übrig  und  Young’s  und