266  Die  Lyrik  der  Nationalzeitung.

12.  Juli,  auf  ein  baldiges  Zerwürfniss  zwischen  dem  Kanzler
und  dem  neuen  Gespons,  dem  Centrum,  rechnete  und  der  mächtige
.Gebieter  selbst,  am  9.  Juli,  die  Hoffnung  aussprach,  er  würde
seine  früheren  Kampfgenossen  doch  wohl  wieder  zu  ihm  zurückkehren
  schen!  Demnach  hätten  wir  also  Aussicht  dazu,  dass
das  Liebes-  und  Zwistduett  wieder  von  vorn  anfangen,  und  das
Wetter  der  politischen  Welt  auch  noch  fernerhin  von  dem  stärkererem
  oder  geringerem  Druck  jener  altbekannten  Spannung
zwischen  Kanzler  und  Nationalliberalen  abhängen  würde.

Stören  wir  aber  nicht  sofort  die  Hoffnung  der  National-Jıeitung
  auf  ein  glückliches  Auferstehen,  lassen  wir  ihr  den  Trost,
dass  ihre  Leidensgeschichte  sich  doch  einmal  wiederholen  könne,
und  bewundern  wir  noch,  wie  ihr  grosses  Herz  nicht  nur  für
die  intimsten  persönlichen  Angelegenheiten,  sondern  auch  für  die
prosaischsten  und  nüchternsten  Dinge  Raum  hat.

Immer  aber  arbeitet  sie  mit  dem  tiefsten  Gefühl.  Die  Leidenschaft,
  mit  der  sie  -.  B.  im  Jahre  1876  die  sächsischen  Partikularisten
  verfolgt,  beweist  eine  Gluth  des  Hasses,  die  dem
Feuer  ihrer  sonstigen  Liebe  vollkommen  entspricht.  Wenn  sie
Verderben  und  Vernichtung  droht,  glaubt  man  die  Königin  der
Nacht  in  der  Zauberflöte  zu  hören.  Die  Läppereien  aber,  um
die  es  sich  handelt,  machen  sie  zu  einer  Schlosswärterin,  die  von
der  herrschaftlichen  Burg  zu  den  Hintersassen  läuft,  in  alle  Töpfe
guckt,  die  Nägel  an  den  Wänden  prüft  und  über  Aufstand  gegen
die  Schlossordnung  zetert.

Mit  der  süssesten  theilnehmendsten  Lyrik  accompagnirte  sie
dagegen  den  Verlauf  der  „Orient-Dinge“.  Am  10.  März  1877
%.  B.  „wird  Europa  nicht  müde,  immer  und  immer  wieder  die
Taube  hinauszusenden  und  zu  spähen,  ob  sie  wiederkehrt  oder
nicht,  ob  sie  das  Oelblatt  des  Friedens  heimbringt  oder  dasselbe
immer  noch  nicht  hat  auffinden  können.“  Am  13.  März  sind
„die  diplomatischen  Muskeln  noch  nicht  erlahmt,  noch  spürt
man  in  der  Diplomatie,  dass  der  Flug  der  grossen  Tagesfrage
seinen  höchsten  Punkt  überschritten  oder  eine  abwärtsgehende
Richtung  eingeschlagen  hätte.“  Am  25.  März  „fliesst  mit  epischer
Breite  der  Roman  des  Orients  dahin.  Auf  und  nieder  wogen
die  Ereignisse,  die  Wünsche,  die  Hoffnungen,  aber  die  Katastrophe
will  nicht  kommen.“

Und  diese  von  Europa  ausgesandte  Taube,  —  diese  diplomatischen
  Muskeln,  —  dieser  in  Fluss  befindliche  Roman  des