270  Minister  Hobrecht  und  Coceejus  Nerva,  Kanzler  des  Tiberius.

einen  finanziellen  Ertrag  zu  geben,  und  die  sich  Einer  augenblicklich
  einmal  versagen  kann,  wenn  ihm  seine  Cassenfonds  dieselben
  nicht  zugänglich  machen,  sind  ihm  die  Grundlage  ciner
Steuer  in  dem  heutigen  civilisirten  Staat.“  Er  zählte  sofort
einen  Theil  dieser  für  das  neue  Reich  so  nützlichen  Gegenstände
auf:  Bier,  Branntwein,  Tabak,  Thee,  Kaffee,  und  nahm  auch,  als
sein  Finanzminister  für  die  Besteuerung  dieser  Genussmittel  die
Rechnung  hinhielt,  die  damalige  Bezeichnung  der  langen  Liste
als  eines  Platzregens  oder  Bouquets  mit  einem  sauern  Lächeln
hin,  aber  weder  das  Bouquet,  noch  einzelne  Blumen  des  Strausses
fanden  damals  Beifall,  noch  wollte  es  ihm  bis  in  die  neuere  Zeit
gelingen,  für  einzelne  Zierden  des  von  der  Heydt'schen  Bouquets
bei  den  späteren  Gesetzgebungen  Abnehmer  zü  finden.

In  einer  jener  Maireden  des  norddeutschen  Bundes  wies  er  zwar
daraufhin,  dass  er  die  Absichten  der  Mehrheit  des  Reichstags  bei
ihrem  Widerstreben  gegen  den  Kaufsehr  wohl  kenne:  für  sie  sei  die
Bewilligung  eine  Machtfrage;  für  den  Dienst,  den  sie  der  Regierung
  leiste,  wolle  sie  von  dieser  auch  einen  Dienst,  —  die
Steuerfrage  sei  für  sie  eine  Machtfrage;  sie  wolle  den  Daumen  auf
dem  Beutel,  also  die  Macht  und  die  Finanzkontrolle  haben.  Aber,
fügt  er  hinzu,  „ist  cs  wirklich  nöthig,  ist  es  nützlich,  dass  Sie
inehr  Macht  haben,  als  Sie  jetzt  besitzen,  ist  ces  dem  Volke  und
dem  Lande  nützlich?"

An  der  Machtfrage  scheiterte  damals,  scheiterte  auch
später  unter  der  Verfassung  des  deutschen  Reichs  jeder  Versuch
der  Steuergesetzgebung.

Dann  erst,  als  die  Angst  der  Industrie  und  der  Landwirthschaft
  vor  der  Concurrenz  des  Auslandes  ihm  erlaubten,  durch
einen  Grenzzoll  sich  grössere  Finanzeinnahmen  zu  verschaffen
undin  dieses  Bouquet  auch  reine  Finanzzölle  wie  auf  den  Tabak  einzufügen,schien
  das  Räthsel  der  vorhergehenden  zwölf  Jahre  gelöst  zu
sein.  Allein  Rule  und  das  Gefühl  der  inneren  Sicherheit  war
damit  noch  nicht  in  die  lange  gequälten  Gemüther  eingekehrt.
Grenzzoll  und  Finanzzoll  gaben  noch  kein  auf  die  innere  Leistungskraft
  gegründetes  Steuersystem.  Von  dem  leitenden  Staatsmann
  ausdrücklich  als  Kampfzölle  empfohlen,  waren  sie  je
nach  dem  Wechsel  der  politischen  Conjuneturen  und  der  Beziehungen
  zu  den  Nachharstaaten  der  Veränderung  ausgesetzt
und  konnten  sie  sich,  sobald  das  deutsche  Bürgerthum  seinen
Glauben  an  die  Wohlthaten  der  Grenzsperre  als  eine  Täuschung