Minister  Hobrecht  und  Coccejus  Nerva,  Kanzler  des  Tiberius.  273

Resten  jenes  Segens  ein  permanentes  Defizit  zu  verdecken,  cin
verarmendes  Volk  gebe.

Hobrecht  begab  sich  als  ein  „Mann  ohne  Vonurtheil“  in  das
Gewitter,  welchem  sein  Vorgänger  auswich,  und  schloss  sich  der
Idee  des  leitenden  Staatsmanns  an,  das  Reich  mit  einem  neuen
Goldstrom  anzufrischen  und  dabei  zugleich  die  Einzelstaaten
und  ihre  Gemeinden  zu  bereichern.  Und  er  kam  aus  dem  Gewitter
  heil  und  gesund  zurück.

Frei  von  den  Vorurtheilen  der  Parteien,  litt  er  auch  nicht
an  der  Verstimmung,  an  welcher  bei  dem  allmähligen  Heraufziehen
  des  Gewitters  die  nationalliberalen  Kreise  krankten.
Forckenbeck  ermahnte  seine  Freunde,  Ende  des  Juli  1877  in
der  Ansprache  an  einen  Breslauer  Verein,  zum  „Stillstand“,  um
dem  Volke  für  das  Einleben  in  die  neuen  Verhältnisse  Zeit  zu
lassen  und  die  allgemeine  Stimmung  für  die  „Revision  und  Correctur
  einer  übereilten  Arbeit"  vorzubereiten.  Die  „Nationalliberale
  Correspondenz“  vom  8.  Dezember  1877  klagte  über  die
allgemeine  Verstimmung,  die  auch  das  Abgeordnetenhaus  ergriflen
  und  seine  „Lust  und  Freudigkeit  und  Fähigkeit  zu  produciren
  gelähmt  habe.“  Und  gleichzeitig  fand  jene  „politische
Correspondenz“,  das  Organ  der  höheren  Regionen  in  den  drei
Kaiserreichen  des  Ostens,  „die  Verstimmung  der  nationalliberalen
Partei  insofern  erklärlich,  als  die  preussische  Regierung  an  der
Hand  der  praktischen  Erfahrung  sich  genöthigt  sehe,  dem  Lauf:
der  überstürzten  Reformgesetzgebung  der  letzten  Jahre  ein  langsameres
  Tempo  zu  geben.“

Im  Gegentheil  hatte  Hobrecht  neben  der  Betheiligung  an
der  'Tarifreform  noch  Zeit  und  Muth  dazu,  die  Budgetkommission
des  preussischen  Abgeordnetenhauses,  am  21.  Januar  1879,  mit
dem  Zugeständniss  einer  Quotisirung  der  Einnahmen  zu  erfreuen.
Jeder  andere,  weniger  vorurtheilslose  Beamte  hätte  die  genügsame
  Freude,  mit  welcher  die  Nationalliberalen  dieses  Geschenk
begrüssten,  dazu  benutzt,  das  Füllhorn  seiner  Gaben  zu  schliessen.
Er  verschmähte  es  aber,  sich  an  dem  Triumph  zu  weiden,  dass
die  Nationalliberalen  z.B.  die  „Nationalzeitung“  vom  25.  Januar
seine  Bedingungen  unterschrieben  und  weder  auf  dem  Namen,
der  Quotisirung  bestanden,  noch  eine  gesetzliche  Ordnung  derselben
  verlangten.  Vielmehr  liess  es  ilım  keine  Ruhe,  bis  er
dem  Abgeordnetenhause  selbst,  am  14.  Februar,  auf  Grund  einer
Kabinetsordre  und  im  Namen  der  Staatsregierung  die  Zusicherung

Baner,  Bismarck’sche  Ära.  18