274  Minister  Hobrecht  und  Coccejus  Nerva,  Kanzler  des  Tiberius.

geben  konnte,  dass  für  den  Fall  eines  disponiblen  Zuflusses
aus  Reichseinnahmen  derselbe  zur  Verminderung  der  Klassenund
  Einkommensteuer  verwandt  und  ein  Gesetzentwwf  über  die
Quotisirung  derselben  dem  Hause  vorgelegt  werden  solle.

Und  dennoch  liess  dieser  muthige  Arbeiter  sein  Amt  im
Stich,  denn  sein  Auftreten  gegen  das  Zukunftsbild  des  Reichskanzlers
  kann  nicht  anders  denn  als  sein  freiwilliger  Rücktritt
gedeutet  werden.

Sein  Vorgänger  Camphausen  war  in  der  Sitzung  des  Reiclıstags
  vom  23.  Januar  1878  schon  krank  und  klammerte  sich
gleichwohl,  unter  zärtlichem  Gefühlsaustausch  mit  dem  leitenden
Staatsmann  an  seinen  Ministersessel.  Alan  debattirte  gerade
über  die  Tabakssteuer  und  mit  Erlaubniss  des  Reichskanzlers
holte  er  eine  Denkschrift  vom  Februar  1877  aus  der  Tasche,
welche  das  Gerücht  von  seiner  persönlichen  Eingenommenheit
gegen  das  Tabaksmonopol  widerlegte.  Thränen  standen  in  den
Augen  des  Finanzmannes,  während  ihm  der  Fürst  gerührt  nach
seinem  Vortrage  die  Hand  drückte.

Frohen  Mutlıs  erklärte  dagegen  Hobrecht  dem  Reichskanzler
den  Krieg.  Hatte  der  Fürst  am  2.  Mai  ausdrücklich  hervorgehoben,
  dass  sein  ideales  Ziel  von  ihm  allein  und  ohne  Vereinbarung
  mit  dem  preussischen  Staatsministerium  oder  mit  dem
preussischen  Finanzminister  entworfen  sei,  so  erwiderte  der
letztere  Tags  darauf,  dass  er  auch  in  der  That  den  vom  Kanzler
gezogenen  Wechsel  auf  die  umfassendsten  Steuererlasse  nicht
acceptiren  könne.  Hobrecht  wartete  nicht  einmal  bis  auf  den
in  seiner  Rede  vom  3.  Mai  gestellten  Termin,  wo  die  vom
Tarifgesetz  erwartete  Summe  sich  einfinden  und  mit  der  vom
Kanzler  verheissenen  Steuerreform  messen  würde.  Schon  vor
dieser  thatsächlichen  Kritik  der  fürstlichen  „Zukunftsmusik“
verzweifelte  er  daran,  dass  die  Überschüsse  der  neucnReichssteuern
  auch  nur  für  seine  mässige  Herabminderung  der
preussischen  Klassen-  und  Einkommensteuer  ausreichen  würden.
Dazu  eröffnete  sich  ihm  noch  eine  Reihe  düsterer  Aussichten
auf  die  Übel,  die  ihm  als  Folgen  des  fürstlichen  Zukunftsdrangs
unvermeidlich  schienen.

Es  ging  ihm  genau  so  wie  jenem  Kanzler  des  römischen
Imperators,  nur  dass  sein  Ende  heiterer  und  zufriedener  war  als
der  Schlussakt  des  ceäsarischen  Staatsmanns.

Coccejus  Nerva,  der  Grossvater  jenes  gleichnamigen,