Minister  Hobrecht  und  Coccejus  Nerva,  Kanzler  des  Tiberius.  276

milden  und  civilen  Kaisers,  stammte  aus  einer  Familie,  die  sich
nach  Kreta  verpflanzt  hatte  und,  aus  der  stillen,  von  den  hauptstädtischen
  Zerwürfnissen  verschonten  Provinz  nach  Rom  zurückgekehrt,
  unter  Augustus  zum  Amtsadel  aufgestiegen  war.  Er
selbst  hatte  das  Consulat  verwaltet,  als  er  (im  Jahre  24  n.  Chr.)
Oberpfleger  der  römischen  Wasserwerke  ward,  —  ein  Amt,
welches  die  Kaiser  nur  den  bewährtesten  Feldherren  und  Staatsmännern
  anvertrauten.

Tacitus,  sonst  schwarzsichtig  für  die  persönlichen  Schwächen
der  kaiserlichen  Diener,  Grübler  und  Dichter,  wenn  es  gilt,  sie
wegen  selbstischer  Motive  der  Missachtung  preiszugeben,  hat
an  ihm  keine  Ilandhabe  für  ein  Wort  des  Tadels  gefunden.
Er  sagt  von  ihm  nur  (Annal.  6,  26),  dass  er  ein  unwandelbarer
und  der  Person  des  Fürsten  immer  nahe  stehender  Freund  des
Tiberius  und  gründlicher  Kenner  alles  göttlichen  und  menschlichen
  Rechts  war.  Der  Kaiser  schätzte  ihn  hoch  und  erkannte
in  ihm  den  Mann,  der  ihm  in  der  Consolidirung  des  Reichs  gegen
die  Nachwehen  der  Bürgerkriege  zur  Seite  stehen  könne.  So
ward  er  Kanzler  oder  vielmehr  alleiniger  Minister  und  seine
Rathschläge  leiteten  den  Fürsten  in  der  Lösung  der  grossen
Katastrophen,  in  denen  die  feindlichen  Vertreter  des  julischen
Hauses  und  die  Regungen  der  alten  Geschlechter  die  Reichsordnung
  erschütterten..  Er  allein  folgte  auch  dem  Kaiser,  als
dieser  (26  n.  Chr.)  sich  auf  dem  Felsenciland  Capri  der  persönlichen
  Berührung  mit  dem  unruligen  Adel  entzog.

Bis  zum  Jahr  53  beobachteten  Fürst  und  Kanzler  von
jener  einsamen  Warte  aus  das  Hin-  und  Herwogen  der  hauptstädtischen
  Elemente  und  die  langsame,  abwartende  Natur  des
Ersteren  ward  von  dem  ruhigen  Abwägen  des  Ratlıgebers  unterstützt.
  Bald  jedoch,  nachdem  Agrippina,  der  Rachegeist  des
julischen  Hauses  durch  ihre  Unruhe  selbst  ihren  Sturz  vollendet
hatte,  fasste  Nerva,  im  Besitz  einer  ungeschwächten  Körperkraft
und  bei  unversehrtem  Glücksstande,  den  Entschluss,  durch  Enthaltung
  von  Speise  und  Trank  aus  dem  Leben  zu  scheiden.
Als  Tiberius  das  erfuhr,  wich  er  kaum  von  seinem  Lager.
Vergebens  fragte  er  nach  der  Ursache  dieses  Entschlusses;  vergebens
  bat  er  ihn,  von  dem  Vorhaben  abzustelien;  endlich  stellte
er  ihm  vor,  es  würde  drückend  für  sein  Gewissen,  eine  schwere
Gefahr  für  seinen  Ruhm  sein,  wenn  der  nächste  sciner  Freunde,
ohne  allen  Grund  zum  Sterben,  sich  dem  Tod  in  die  Arme

10°