276  Minister  Hobrecht  und  Coccejus  Nerva,  Kanzler  des  Tiberius.

werfe  Der  Kanzler  liess  sich  durch  die  Bitten  des  Fürsten,
der,  zu  jener  Zeit  73  Jahre  alt,  gebeugt  vom  Alter,  vor  seinem
Jager  sass,  nicht  rühren  und  wehrte  jede  Erörterung  ab.

Tacitus  sagt,  Männer,  die  seine  Gedanken  kannten,  hätten
behauptet,  je  näher  er  den  Leiden  des  Gemeinwesens  stand,
umsomehr  habe  er,  von  Ingrimm  (ira)  und  Furcht  bewogen,
während  Leben  und  Ruhe  noch  unverschrt  waren,  mit  Anstand
enden  wollen.

Die  Gewährsmänner  des  Annalisten  sind  jedoch  ebenso
unzuverlässig  wie  er  selbst,  wenn  er  sich  mit  eigenen  Mitteln
auf  dem  Felde  des  historischen  Pragmatismus  versucht.  Vor
der  Furcht  bewahrte  den  Kanzler  sein  Gewissen.  Und  Ingrimm
gegen  sein  Geschäft  oder  gegen  die  Lage  des  Reichs,  welche
ihm  das  Amt  des  obersten,  rechtlichen  Regulators  aufgeladen
hatte,  —  wie  hätte  cr  dieser  Empfindung  zugänglich  sein  können?
Im  Namen  alles  göttlichen  und  moralischen  Rechts  hatte  er  das
Amt  übernommen  und  die  damit  verbundenen  Pflichten  erfüllt,
Er  hatte  das  neue  allgemeine  Recht  der  Reichsangehörigen  vom
Ufer  des  Atlantischen  Oceans  bis  zum  Euphrat,  von  Friesland
bis  zu  den  Quellen  des  Nil  gegen  die  Adelskaste  des  alten  Rom
vertheidigt.  Im  Interesse  dieser  hohen  Aufgabe  hatte  er  dem
Kaiser  beigestanden,  die  Provinzen  der  Ausbeutung  durch  die
Erben  der  alten  Eroberer  und  Plünderer  zu  entziehen,  er  hatte
den  Staatsschatz  den  Gesuchen  der  herabgekommenen  Verschwender
  um  eine  neue  Ausstattung  zu  senatorischem  Glanze
entrückt.  Neben  der  allgemeinen  Freiheit  und  Sicherheit  hatte
er  endlich  die  Ruhe  des  Reichs  gegen  die  Umtriebe  der
müssigen  Aristokratie  und  gegen  ihre  Lust  zur  Erneuerung  der
Bürgerkriege  bewacht.

Aber,  (und  daher  kam  sein  Entschluss,  mit  Anstand  abzuscheiden),
  nach  jeder  Befestigung  der  Reichs-Ordnung  salı  er
neue  Störungen  kommen  und  die  Nothwendigkeit  von  wiederholten
  Schlichtungen,  die  ebensowenig  wie  frühere  Friedenswerke
einen  dauerhaften  Zustand  versprachen.  Das  Endlose  dieser
Aussicht  bewog  ihn,  im  Tode  endlich  die  gewisse  Ruhe  zu
suchen.  Cato  starb,  weil  er  seine  Standesehre  nicht  dem  Dietator
Cäsar  opfern  wollte,  —  Coccejus  Nerva,  weil  er  an  der  friedlichen
Gestaltung  des  Reichs  unter  den  Nachwirkungen  des  alten
Standesgeistes  verzweifelte.  Milde  und  Civilität  konnten  erst
sein  Enkel  und  dessen  Nachfolger  bis  auf  Mare  Aurel  üben,