Treitschke  und  Victor  Hugo.  279

Leser  die  Revue  passiren  sollen.  Sie  werden  einstimmig  und  mit
demselben  gekränkten  Stolz  im  Namen  ihrer  Meister  gegen  das
Attentat  einer  solchen  Zusammenstellung  Einspruch  erheben.
Den  Ersteren  wird’  es  anstössig  sein,  dass  deutsche  Biederkeit
und  nationale  Strammheit  mit  dem  Weltbürgersinn  des  Galliers
in  Verbindung  gebracht  werden;  die  Andern  halten  den  Vergleich
  eines  Dichters  von  notorischem  Gedanken-  und  Formenreichthum
  mit  einem  Historiker  ohne  namhafte  Originalität  in
Auffassung  und  Gestaltung  überhaupt  für  unmöglich.

Ich  werde  zunächst  den  Unwillen  beider  unzufriedenen
Gruppen  etwas  besänftigen  und  für  mein  Gleichniss  nicht  den
anmaassenden  Anspruch  erheben,  dass  es  überhaupt  nicht  hinke.
Eine  Parallele-  kann  auch  stattfinden,  wenn  die  eine  Seite  mit
der  andern  nur  in  einem  Punkte  zusammentrifft.  Freilich  muss
das  ein  Lebenspunkt  sein  und  mit  einem  solchen  werde  ich
mich  auch  in  der  zweiten  Hälfte  dieses  Aufsatzes  beschäftigen.
Aber  neben  dieser  intimen  Annäherung  können  zahlreiche  Berührungen
  und  Stösse  stattfinden,  die  dann  allerdings  zu  Zwiespalt
führen  werden;  dazu  bleibt  in  vorliegendem  Fall  sogar  die  Möglichkeit
  übrig,  dass  der  Franzose  über  geübtere  Truppen  gebietet
und  den  andern  Gewappneten  umzingelt  und  niederwirft.

Die  Freunde  Victor  Hugo’s  werde  ich  aber  von  vornherein  versöhnen,
  wenn  ich  ihnen  zugestehe,  dass  einzelnen  seiner  Gedichte
wie  z.  B.  seinen  Versen  vom  Wurm,  der  den  Schöpfungen  des
Weltalls  überlegen  ist,  seiner  Schilderung  des  Pan,  der,  in  den
Götterkreis  des  Olymp  eingetreten,  sich  zum  All-Eins  der  Natur
erweitert,  auch  der  Naivität  seiner  Kinderlieder  die  neuere
deutsche  Litteratur  kaum  etwas  nur  entfernt  Ähnliches  an.  die
Seite  zu  stellen  hat.  Einzelne  seiner  prosaischen  Werke,  wie
der  dem  Schauspieler  Lemaitre,  bei  dessen  Begräbnisse  gewidmete
Nachruf  mit  der  kurzen  Schilderung  von  dessen  künstlerischer
Persönlichkeit  und  seiner  Erfassung  und  Darstellung  des  „König-Volks“
  stehen  in  ihrer  Art  einzig  da.  Möge  man  es  uns  daher,
ohne  Anstoss  zu  nehmen,  erlauben,  den  grossen  Abstand  zwischen
dem  Deutschen  und  dem  Franzosen  selbst  in  den  Augenblicken
zu  schildern,  wo  die  Form  ihrer  Darstellung  sich  einander  zu
nähern  scheint.

Ja,  die  Beiden  sind  gewaltig  von  einander  unterschieden,
obwohl  der  Strom  ihrer  Suade  mit  gleicher  unaufhaltbarer  Kraft
daher  fährt:  —  während  uns  der  Deutsche  ermattet  und  sehr