280  Treitschke  und  Victor  Hugo.

bald  öde  lässt,  regt  uns  der  Gallier  auf,  scheut  sich  auch  nicht
uns  aufzubringen  und  zurückzustossen  und  wird  uns  am  Ende
immer  gewinnen  und  fesseln.

Beide  lieben  den  Gang  ihrer  Sätze  mit  Zinken-  und  Trommellärm
  zu  befeuern,  —  Schlachten  machen  ihnen  Freude,  wenn
sic  auch  nur  der  Franzose  zu  schildern  versteht.  Letzterer  ist
jedoch  darin  einzig,  dass  er  uns  aus  dem  Getöse  wieder  zu
beruhigendem  Sinnen  geleitet,  indessen  der  Deutsche  immer  von
dem  Unglück  verfolgt  wird,  dass  ihm  die  Diplomaten  das  Werk
scines  Säbels  verderben.

Der  Sturzbach  der  Phrasen  und  hohen  Worte,  mit  dem  uns
der  Franzose  überfüllt,  entzückt  mit  den  Silberblicken,  die  uns
im  Katarakt  die  Bilder  der  Zukunft  zeigen.  Kine  scheinbar
zerfahrene  Vielheit  und  Mannigfaltigkeit  jagt  er  an  uns  vorüber
und  allmählig  blickt  etwas  Ganzes,  —  ein  Volk,  die  Menschheit
aus  den  sprühenden  Funken  heraus.  Der  Deutsche  hört  innitten
seiner  aufgeblähten  Worte  und  Phrasen  nicht  auf,  den  Verdriesslichen
  zu  spielen  und  die  Welt  anzuklagen,  die  ihm  niemals
recht  thun  will.

Die  Gestalten  des  Franzosen  sind  fest  und  streng  gegliedert
und  aus  ihrer  irdischen  Masse  erheben  sich  die  Regungen  der
Liebe,  Theilnahme  und  Sympathie.  Iın  Lärm  der  Zinken  und
‘Trommeln  sprieht  das  Mitleid  für  die  Gefallenen  sein  Wort  und
bewährt  sich  die  Liebe  als  Erbarmen  gegen  die  Gefangenen.
Der  Deutsche  rächt  sich  sogar  an  den  Kaämpfgenossen,  den
Mitarbeitern  an  der  Befreiung,  ja,  den  Vorgängern  in  dem  löblichen
  Werk  der  Erhebung,  England,  Russland,  Österreich,  mit
Vorwürfen  für  die  Unthat,  dass  sie  ihm  die  Taschen  nicht  zum
Platzen  vollgestopft  haben.

Wenn  Vietor  Hugo  das  Revolutionsjahr  „93“  schildert  und
sich  im  Zwiespalt  der  Blauen  und  Weissen,  der  Chouans  der
Vendee  und  der  Pariser  Terroristen  bewegt,  so  stellt  erin  seiner
Theilnahme  für  alle  Schattirungen  der  Parteifarben  die  Einigkeit
und  Harmonie  jener  erhabenen  Zukunft  dar,  in  der  sich  die
feindlichen  Brüder  erkennen  und  umarmen.  In  seinem  „Schreckensjahr“
  („Uannce  terrible,*  dem  Pariser  Prüfungsjahr  1871)  rechnet
er  ganz  Frankreich  zu  den  Mitschuldigen,  welche  die  Heimsuchung
  der  Hauptstadt  (in  der  Commune)  herbeigeführt  haben.
In  Allem,  was  er  studirt,  schildert  und  charakterisirt,  sieht  er
nur  die  lindernisse,  die  sich  immer  höheren  Einigungen  des