282  Treitschke  und  Victor  Hugo.

Gliedern.  Der  edle  Norddeutsche  kann  dagegen  Preussens  Verbündete
  nicht  nennen,  ohne  ihnen  die  gesuchtesten  Streiche  zu
versetzen;  Jongland,  Russland,  Österreich  haben  bei  diesem
modernen  Homer  ihr  stehendes  und  schmückendes  Beiwort;
uns  fehlt  jedoch  der  Raum,  um  diese  Gehässigkeiten  zusammenzustellen.


Der  patriotische  Declamator  hätte  auch  von  dem  französischen
Sänger  Manches  über  den  Einzug  der  Revolution  lernen
können,  die  schon  damals  ihren  Marsch  antrat,  als  der  Rückzug
der  Alliirten  aus  der  Champagne  1792  die  Wege  nach  Deutschland
  öffnete.  Beim  Pocten  konnte  er  das  ärmliche  Stümpfchen
Licht,  mit  dem  er  sich  von  der  deutschen  Theilung  der  napoleonischen
  Zeit  an  bis  zur  Gegenwart  zurecht  zu  tasten  sucht,
etwas  anfachen.  Gentz’ens  bekannte  Ausführungen  über  die
absolutistische  Nivellirung  in  den  deutschen  Schöpfungen  des
Luneviller  Friedens  genügen  nicht  mehr  nach  den  Erfahrungen
unserer  Tage.  Die  früheren  Klagen  der  Reaction  über  das
Schwinden  der  ständischen  Corporationen  in  den  Fürstenthümern
der  Jahre  1803  und  1805  machen  auf  die  abgehärtete  Haut  der
Gegenwart  keinen  Eindruck.  Treitschke’s  Wiederholungen  dieser
veralteten  Wendungen  können  so  wenig  als  Mittel  der  Geschichtsschreibung
  gelten  wie  seine  Erneuerung  der  alten  Klagen  über
„Meilen-  und  Saatenschacher,  welfische  Habgier  nach  Quadratmeilen“
  und  Arithmetik  der  Arrondirungen.  Ein  naives  Geständniss
  über  die  Methode  der  Hardenberg'schen  Gesetzgebung
nach  den  Jenaer  Tagen  ist  von  ihm  selbst  nicht  einmal  zur
Orientirung  über  die  Neugestaltung  Deutschlands  benutzt  worden.
Während  bei  ihm  Preussen  inmitten  des  Anschwemmens  von
Länderstücken  eine  Insel  der  Seligen  bleibt,  kann  er  endlich
nicht  umhin,  zu  erzählen,  dass  Hardenberg  nach  1806  seine
Verwaltungsentwürfe  dem  Königreich  Westphalen,  Jerome's
Musterstaat,  für  die  Übertragung  der  französischen  Conventsgesetze
  auf  deutsche  Verhältnisse  entlehnte.  Aber  nach  diesem
flüchtigen  Lichtblick  steht  er  wieder  in  dichter  Finsterniss,  und
als  die  Protokollisirung  der  süddeutschen  Mittelstaaten  im
Laufe  der  zwanziger  und  dreissiger  Jahre  erfolgte,  kann  er  sich
Preussens  Unterschriften  unter  dies  angeblich  rein  österreichische
Werk  nur  aus  der  zarten  Rücksicht  des  Berliner  Cabinets  auf
den  „theuren  Bundesgenossen“  erklären.  Preussen  schwieg  auch
aus  Edelmuth,  als  jene  Protokolle  übel  wirkten,  machte  aus