284  Treitschke  und  Victor  Ifugo.

Friedenszukunft  der  Menschheit  und  auf  die  Vorarbeiten  seiner
Nation  für  dieses  tausendjährige  Reich  der  Humanität;  jener
Roman  bildet  den  Übergang  zu  dieser  höheren  Leistung.  In
ihm  nimmt  er  vom  Bonapartismus  Abschied,  malt  ihn  im  Augenblick,
  wo  seine  militärische  Rüstung  gebrochen  und  Frankreich
frei  wird,  noch  einmal  zauberisch  aus  und  schmückt  ihn  wie  ein
Opfer,  das  zum  Heil  der  Welt  hingegeben  wird.

Die  Umwendung  der  Dinge  bei  Waterloo  ist  nicht  nur  eine
Episode  des  Gedichts,  bildet  vielmehr  den  Grundaccord  der
Syinphonie,  zu  welcher  die  Seelenstimmungen  der  handelnden
und,  unterliegenden  Romanhelden  zusammenklingen.  Sie  liefert
die  Stimmungsfarbe  des  grossen  Gemäldes  und  wiederholt  sich
im  Teint  der  einzelnen  Personen;  nach  der  Charaktermaske
Bonaparte’s  sind  die  „Elenden“,  die  Heroen  der  Aufopferung  und
Willenskraft  geformt;  —  das  Ganze  ist  eine  Variation  des  Ereignisses
  von  Mont  St.  Jean.  Cambronne’'s  Wort  („merde“),  mit
dem  er  die  angebliche  Aufforderung  an  die  Garde,  sich  zu  ergeben,
  beantwortet  haben  soll,  wird  als  der  mächtigste  Protest
gegen  die  Gewaltacte  der  Geschichte  geschildert;  der  Freiknabe
der  Strasse  (der  Gamin),  der  ewige  Cambronne,  ist  der  eigentliche
  Sieger  von  Waterloo  und  speit  dem  Erfolg  der  Thatsachen
in’s  Gesicht,  Frankreich  hat  in  seinem  glänzenden  Sturz,  welcher
den  Lärm  der  Trommel  zum  Schweigen  brachte,  Europa  die
Quinterne  der  Friedensära  zugeworfen.

Unser  deutscher  Chauvin  trat  mit  seinem  Geschichtsbuch
gerade  zur  rechten  Zeit  auf,  denn  der  Chauvinismus  eröffnet
seine  Bude  für  Wunderkuren  erst  dann,  wenn  sein  nationales
Ideal  erbleicht  und  verwittert.  Während  Treitschke  die  „nene
Ära“  feiert,  fahren  ihre  Elemente,  auch  im  Reichstag,  knarrend
auseinander;  dem  Goldregen  der  ersten  siebziger  Jahre  ist  Knapphans
  in  der  Reichs-  und  Hauswirthschaft  gefolgt;  die  Hilflosigkeit
  und  Verzweiflung  der  Massen  hat  die  Verbrechen
vermehrt.

Nach  unserer  obigen  Darstellung  ist  es  erklärlich,  dass  der
diesseitige  Chauvin  für  Zukunftsgebilde,  wie  sie  der  Franzose
schafft,  keine  Ader  besitzt.  Nur  die  kleinlichste  Schwäche,
zu  der  sich  einmal  Vietor  Hugo  in  seinem  „Elends“-Roman  vom
Chauvinismus  hinreissen  liess,  findet  beim  Deutschen  ihr  Gegenbild.
  Wir  meinen  des  Dichters  Übereilung  und  Billigung  des
Wohlgefallens,  welches  der  royalistische  Grossonkel  des  passiven