Treitschke  und  Victor  Hugo.  287

braischen  Gleichungen  die  harte  Schaale  sich  ausbildet,  in
welcher  der  Kern,  die  deutsche  Kritik,  ihre  letzte  Reife  gewinnt.
  Daher  war  er  auch  im  Stande,  in  seinem  früheren,  kürzlich
  in  zweiter  Auflage  erschienenen  Werke,  die  „Zeln  Jahre
deutscher  Kämpfe  von  1865  bis  1874“  zu  beschreiben,  olne  der
neueren  Kritik  zu  gedenken.  Bei  ihm  erscheint  die  „neue  Ära“
mit  ihrem  Aufräumen  unter  den  Ordnungen  und  Instituten  der
Vergangenheit  ohne  den  Befreier,  der  die  Kerker  des  Alten  gebrochen
  und  die  Mysterien  der  Völker  als  Schöpfungen  und
Thaten  des  Selbstbewusstseins  erklärt  hat.  Seine  neue  Ära  tritt
somit  als  eine  Reihe  zufälliger  Erscheinungen  olıne  den  tragenden
und  treibenden  geistigen  Boden  auf  und  ist  ein  Bildniss  olıne
Seele.  Allerdings  sind  die  von  ihm  bewunderten  Werke  der
neuen  Ära  flüchtige,  von  ihren  Urhebern  unaufhörlich  revidirte
Entwürfe,  der  Culturkampf  z.  B.,  an  dem  er  sich  mit  kräftigem
Poltern  selbst  betheiligt  hat,  ein  Fehlgrifl;  aber  selbst  dieses
oft  übereilte  Eingreifen  in  eine  Menge  sonst  hochverehrter  Institute
  wäre  nicht  möglich  gewesen,  wenn  nicht  die  Kritik  unter
den  Alterthümern  der  früheren  Verehrung  aufgeräumt  hätte.
Wenn  unser  Einheitler  die  Wege  der  Kritik  seit  ihrem  Ausgang
von  England,  Holland  und  Frankreich  bis  zur  Gegenwart  verfolgt
  hätte,  so  würde  er  den  Versuchen  der  neuen  Ära  die  gerechte
  Theilnahme  haben  widmen  können,  aber  auch  die  Missgriffe
  derselben  und  den  unausbleiblichen  Zerfall  erkannt  haben,
aus  welchem  die  befreiende  Secle  sich  zu  neuen  'Ihaten  zusammenfasst.
  Unbekannt  mit  dem  Ursprung  seiner  Ära  hat  er
als  Geschichtsschreiber  auch  keine  Alnung  von  der  Zukunft,
die  sich  im  Verfall  seines  angestammten  Ideals  ihre  Bahn  bricht.

Für  eine  neue  Auflage  seiner  Schriften  möchten  wir  ihm
aber  nech  das  Studium  der  Werke  Friedrich  Nietzsche's
einpfehlen.  Dieser  deutsche  Montaigne,  Pascal  und  Diderot  wird
ihm  in  das  Geschichtsleben,  in  die  Charaktere  der  Völker  und  in
die  Seele  der  alten  und  neuen  Litteraturen  Blicke  eröffnen,  die
ihn  über  die  Beengtheit  seiner  particularistischen  Ekstasen  erheben
  könnten.  Möge  er  z.  B.  mit  der  Schrift  des  genannten
Denkers  über  „David  Strauss  den  Bekenner  und  den  Schriftsteller“
  den  Anfang  machen.  Vielleicht  wird  er  durch  die
schönen  Erörterungen  Nietzsche’s  über  die  auch  von  Strauss  getheilte
  Anbetung  des  Erfolges  und  über  den  „Irrthum  der  öffentlichen
  Meinung,  dass  (nicht  nur  die  Armee,  sondern)  auch  die