Das  Haftpflichtgesetz  und  die  Staatswerkstätten.  296

welches  die  Zukunft  des  Gewerbes  und  der  Industrie  bedrohte
und  beiden  einen  neuen  Concurrenten  bescheerte,  die  im  December
des  vorigen  Jahres  begonnene  Verstaatlichung  der  preussischen
Eisenbahnen,  rief  die  rhetorischen  Vertheidiger  der  Innungen
nicht  in’s  Feld;  nicht  einmal  in  den  Verhandlungen  des  preussischen
  Landtags  wurde  diese  Bedeutung  der  Tagesordnung
berührt.

Unter  allgemeiner  Stille  der  Betroffenen  und  Betheiligten
nahm  der  Staat  als  der  mächtigste  Industrielle  und  Handwerker
das  grosse  Iörwerbsfeld  in  Besitz.  Vor  der  Wucht,  mit  welcher
der  riesige  Staatshammer  auf  den  Ambos  niederfiel,  hörte  man
nichts  von  dem  bescheidenen  Hämmern  des  Handwerkers  und
vom  Getöse  der  Industriewerkstätten.

Jede  Centralisation  hat  in  sich  selbst  eine  so  unaufhaltsame
Trieb-  und  Schwungkraft,  dass  sie,  einmal  in  Bewegung  gesetzt,
sofort  weiter  greift  und  mit  wachsenden  Fangarmen  eines  der
Gebiete,  die  bisher  selbständig  arbeiteten,  nach  dem  andern
in  ihren  Bereich  zieht.  Iın  vorliegenden  Fall  ist  der  Anfang
aber  so  grossartig,  dass  er  selbst  schon  unwillkürlich  wirken
und  mit  reissender  Schnelligkeit  wachsen  wird.  Bloss  die
Werkstätten,  die  der  Staat  mit  den  erworbenen  Bahnen  übernimmt,
  werden  in  Verbindung  mit  den  Ateliers  seiner  eigenen,
in  Betrieb  stehenden  Linien  ihn  verlocken,  als  Grossindustrieller
  zu  glänzen  und  unter  dem  verführerischen  Reiz  der
Sparsamkeit  sich  die  Materialien  seines  Geschäfts  selbst  zu  beschaffen
  und  fertig  zu  stellen.  Er  wird  Maurer,  Tischler,
Wagenbauer,  Schmiedemeister,  Hochöfener,  Eisenindustrieller  und
die  Concurrenz  der  deutschen  Cockeril’s,  der  Krupps  aus  dem
Felde  schlagen,  wenn  sie  sich  nicht  selbst  in  seine  Hände  begeben
  und  abdanken.  Neben  dem  kolossalen  Umfange  dieser
Staatsindustrie  würde  das  vor  zehn  Jahren  von  dem  Neid
Brasiliens  und  der  La  Plata-Staaten  sequestrirte  und  zur  Liquidation
  gebrachte  Handels-  und  Fabrik-Comptoir  Paraguay  als
ein  schwacher  Versuch  erscheinen  und  um  etwas  ihr  Ebenbürtiges
uns  vorzustellen,  müssten  wir  zu  dem  Reich  der  Pharaonen
zurückgehen,  welche  die  Arbeitskraft,  Weisheit  und  industrielle
Begabung  einer  ganzen  policirten  Nation  zur  Verfügung  hatten
und  zu  ihren  colossalen  Unternehmungen  verwandten.

Keiner  der  Deputirten,  welche  dieses  Wachsthum  der
industriellen  Macht  bewilligten  oder  bekämpften,  erinnerten  an