300  Der  Cüsarismus  des  Russenthums.

Sie,  die  Bewunderer  Bismarck’s,  malen  dem  Publikum  däs
idyllische  Bild  der  Ruhe  aus,  in  welcher  das  deutsche  Reich
die  Frucht  seiner  Siege  über  Dänemark,  Österreich  und  Frankreich
  geniessen  könnte,  wenn  Russland  nicht  wäre  und  die
Kreise  unseres  deutschen  Baumeisters  störte.  Russland,  klagen
die  Sprecher  der  erneuerten  und  gekräftigten  deutschen  Nation,
facht  mit  seiner  Sucht  nach  Eroberungen  und  Annexionen  die
schwache,  aus  ein  Paar  brennenden  Hütten  der  Herzegowina
züngelnde  Flamme  zum  Brand  des  Türkenkrieges  an;  es  wirbt
um  Frankreichs  Theilnahme  an  einer  grossen  Action  in  Mitteleuropa
  und  wiederholt  ihm  von  Jahr  zu  Jahr  den  Zuspruch,  es
möge  nur  stark,  recht  stark  werden;  wo,  wie  in  Italien,  sich
nach  dreimaliger  Arrondirung  Missmutlh  über  die  eigene  Kleinheit
und  Verlangen  nach  Erweiterung  regt,  findet  es  Bundesgenossen.
Noch  neulich  erst  beschwerten  sich  die  officiösesten  Blätter
Berlins  über  die  angebliche  Zusammenhäufung  des  grössten
Theils  der  activen  Armee  Russlands  dicht  vor  den  Grenzpfählen
des  deutschen  Reichs  und  erklärten  aus  dieser  feindlichen  Concentration
  die  Nothwendigkeit,  in  welche  sich  die  diesseitige
Reichsregierung  gedrängt  sehe,  die  eigene  militärische  Rüstung
zu  vervollkommnen.  Russland  verschuldet  die  unaufhörliche
Vergrösserung  der  deutschen  Kriegsmacht  und  die  nicht  enden
wollenden  Anforderungen  an  die  Steuerkraft  der  Nation.  Welche
Genugthuung  mussten  daher  die  Parlamentarier  und  Publieisten
aus  dem  Treiben  einer  Partei  schöpfen,  die  so  fanatisch  wie  die
nihilistische  die  gegenwärtige  Ordnung  Russlands  in  die  Luft
zu  sprengen  droht,  also  auch  wenigstens  die  Schwächung  der
bestehenden  Staatsgewalt  zur  Folge  haben  und  die  Besorgniss
der  Nachbarn  vor  der  unermüdlichen  Diplomatie  für  eine  geraume
Zeit  beschwichtigen  würde!

/um  Theil  hatten  die  Wortführer  des  deutschen  Reichs  aus
den  Schreckensscenen,  welche  Russland  während  der  letzten
Jahre  entsetzten  und  lähmten,  diesen  Trost  für  den  Hausgebrauch
entlelnt,  allein  derselbe  diente  ihnen  nur  zur  Bestärkung  der  alten
Überzeugung,  dass  der  Koloss  dieses  gewaltigen  Reichs  auf
thönernen  Füssen  ruhe.  Das  war  jedoch  eine  sehr  schwache
und  trügerische  Combination:  —  erstlich  konnten  sie  die  Thatsache,
  dass  das  angeblich  schlecht  gegründete  Reich  auf  seinen
gebrechlichen  Füssen  zur  Mitte  von  Centraleuropa  und  in  das
Innere  Uentralasiens  vorgeschritten  ist  und  Fuss  gefasst  hat,