302  Der  Cüsarismus  des  Russenthums.

lägen.  Von  Iwan  IV.  an  rühmten  sie  sich  der  Gottähnlichkeit
und  einer  Offenbarung  von  oben.  Jener  Schreckliche  erschien
unter  dem  Volk  mit  der  Miene  des  von  oben  Begeisterten  und
machte  sich  selbst  zum  Gott;  „ich  bin  euer  Gott,  rief  er  seinen
Untergebenen  zu,  wie  Gott  der  meinige  ist.“  Peter  der  Grosse
erhob  diese  Verbindung  mit  dem  Himmel  zum  System  und  in
wilden  Ungestüm  schlug  er,  als  die  von  ihm,  nach  der  Aufhebung
  des  Patriarchats,  eingesetzte  Regierungsbehörde  nach
der  Wiederherstellung  jener  geistlichen  Spitze  verlangte,  mit
dem  Schwerte  auf  den  Tisch  und  rief  den  Entsetzten  zu:  Das
ist  euer  Patriarch.“  Der  unglückliche  Paul  1.  steigerte  seinen
Glauben  an  die  eigne  Allmacht  zu  der  Überzeugung  jener
römischen  Kaiser,  die  sich  für  die  irdischen  Mitregenten  des
„Jupiter  optimus  maximus"  hielten.  Wenn  die  Nihilisten  sich
unter  Blitz  und  Donner  als  die  Missionäre  einer  neuen  Heilsordnung
  ankündigen,  unterscheiden  sie  sich  von  diesen  Verbündeten
  und  Eingeweihten  des  Himmels  nur  dadurch,  dass  sie
den  Glauben  an  ihre  Mission  aus  dem  Glauben  an  sich  selbst
schöpfen.

Die  innere  Geschichte  dieser  Secte  der  Gegenwart  erzählt
von  zahlreichen  Opfern,  welche  die  Furcht  der  Häupter  vor
Verräthern  und  untreuen  Mitgliedern  verlangte.  Der  gleiche
Argwohn  innerhalb  der  Zarenfamilien  zerrüttete  die  Ruhe  derselben
  und  hat  Kaisern  und  'Thronerben  das  Leben  gekostet.
Iwan  IV.  ward  vom  Walnsinn  des  Argwohns,  der  in  den  getreuesten
  Bojaren  Verräther  witterte,  zu  dein  Äussersten  fortgerissen,
  dass  er  selbst  seinen  einzigen  fähigen  Thronerben  für
einen  Mitschuldigen  des  geheimen  Bundes  hielt  und  ihn  eigenhändig
  mit  dem  Spiess  durchbohrte.  Boris  Godunow  bahnte  sich
durch  die  Beseitigung  des  schwachen  Demetrius  den  Weg  zum
Alleinbesitz  des  Throns;  Peter  der  Grosse  brachte  in  dem  gewaltsamen
  Tod  seines  Sohnes  Alexeij  der  Reform,  die  er  durch
denselben  bedroht  sah,  ein  Opfer.  Peter  IIL,  der  erste  Kaiser
aus  dem  Hause  Holstein  Gottorp,  ward  dem  alten  Russenthum
wegen  seiner  Verehrung  des  Preussenkönigs  und  des  preussischen
Heerwesens  widerwärtig  und  im  Augenblick,  da  er  seine  Gemahlin
  Katharina  in  einem  Gefängniss  unschädlich  machen
wollte,  durch  eine  Militärrevolution  bescitigt.  Der  umnachtete
Geist  Paul’s  I.  ward  vom  Argwohn  gemartert,  dass  seine  eigene
Gemahlin  und  die  beiden  ältesten  Grossfürsten  in  eine  Ver-