304  Der  Cisarismus  des  Russenthums.

vollste  auf  Erden  gilt,  dem  Unbezwinglichen  und  Gewaltigen
und  tröstete  sich  mit  dem  Gedanken,  dass  es  unter  der  Führung
des  Grossen  selbst  unbezwinglich  ist  und  gewaltig  werden  wird.
Auf  zahlreichen  Schlachtfeldern,  von  Pultawa  an  bis  Zorndorf,
Praga,  Novi,  Smolensk  und  Borodim,  hat  es  bewiesen,  dass  es
im  Sturm,  wie  in  der  Dauerhaftigkeit  des  Feststehens  sich  mit
der  dämonischen  Kraft  seiner  Grossen  messen  kann.

Russland  trat  sogleich,  als  Iwan  Ill.  in  der  zweiten  Hälfte
des  fünfzehnten  Jahrhunderts  das  Joch  einer  zweihundertjährigen
Herrschaft  abwarf,  in  der  Form  eines  eäsarischen  Reiches  auf.
Es  hat  sich  weder  durch  die  Wirren  der  Feudalität  mit  eigner
Kraft  hindurchzuschlagen  brauchen,  noch  den  Glanz  eines
absoluten  Königthums,  welches  die  fendalen  Barone  in  die
zierende  Umgebung  seines  'Throns  verwandelt,  genossen.  Jene
Mühe  hatten  ihm  die  Mongolen  abgenommen  und  diesen  Glanz
die  Grosschane  der  asiatischen  Horde  sich  selber  vorbehalten.
Die  fremden  Eroberer  machten  den  Fehden  der  'Theilfürsten
ein  Ende,  die  Grossfürsten  sahen  ruhig  und  zufrieden  zu,  als
die  Mongolen  den  Selbständigkeitstrieb  der  normännischen
Einzelfürsten  niederschlugen  und  ein  geordnetes  Unterthanenverhältniss
  wiederherstellten.  Während  die  Eroberer  die,  in  der
Zeit  der  Theilfürstenherrschaft  wehrlos  gewordene  russische
Nationalität  gegen  Litthauen,  Polen,  die  deutschen  Ritter  der
Ostseeküste  und  gegen  Ungam  retteten,  musste  auf  ihr  Gebot
Alexander  Newski  selbst  das  Bollwerk  bürgerlicher  Freiheit,
Nowgorod,  für  dessen  Steuerverweigerung  bestrafen  und  niederwerfen.
  Als  das  einige  Russland  geschaffen  war,  hatten  die
Asiaten  ihre  Herrschaft  selbst  unterhöhlt;  die  Grossfürsten
brauchten  nur  noch,  nachdein  sie  die  ihnen  zugefallene  Kraft
des  Landes  gegen  die  Eroberer  gerichtet  hatten,  das,  von  dem
tartarischen  Oberherrn  selbst  schon  sorgfältig  geschonte  und
gehegte  byzantinische  Kreuz  auf  das  mongolische  Werk  zu
setzen,  und  das  neue  Cäsarenthum  stand  fertig  da.

Schon  Iwan  der  Schreekliche  hatte  fremde  Künstler  und
Baumeister  zur  Ausschmückung  seines  Cäsarensitzes  herbeigerufen,
  Peter  der  Grosse  zur  Stärkung  des  Cäsarenthums  Russland
in  eine  Kolonie  von  Deutschen,  Franzosen,  Engländern  und
Holländern  verwandelt;  jetzt  aber,  seit  fünfzig  Jahren,  war  ein
neues  Element  eingedrungen,  welches  dem  Volk  zu  Gute  kommen
und  in  ihm  auch  einmal  die  Kralt  des  Gewaltigen  und  Unbe-