306  Der  Cäsarismus  des  Russenthurms.

richter  das  jetzige  Russland  geisselt,  das  Centrum,  wo  die
Slaven  sich  sammeln  und  ihr  Banner  entfalten  sollen.  Auf
seiner  Suche  lenkt  er  den  Blick  zuerst  auf  das  von  Slaven  umringte
  Wien,  aber  es  ist  ihm  nurein  „deutsches  Rococo“,  Petersburg
  verwirft  er  als  „modern  deutsch“,  Warschau  als  katholisch,
—  Moskau  als  „ausschliesslich  russisch.“  Alle  diese  Städte  haben
für  ihn  nur  Werth  als  Provinzialstädte  des  vereinigten
Slavenreichs,  als  dessen  Hauptstadt  er  allein  Constantinopel  anerkennen
  will.  Es  ist  ihm  das  Rom  des  Ostens,  heilige  Stadt
der  orientalischen  Kirche  und  zugleich  Gravitationspunkt  für  die
Griechen  und  zersplitterten  Bekenner  derselben  Kirche.

Erst  spät  erreichten  die  beiden  andern  Genossen  des  Moskauer
Philosophen-Kreises  den  höchsten  Punkt  ihrer  Wirksamkeit.  Als
Herzen  und  Bakunin  sich  1863  durch  ihr  Eintreten  für  den
polnischen  Aufstand  für  Russland  ruinirten,  entflammte  Katkow
in  seiner  „Moskauer  Zeitung“  die  aufgeregte  Jugend  zum  Fanatismus
  gegen  die  Polen  und  dictirte  den  leitenden  Staatsmännern
die  Maassregeln,  welche  dem  unglücklichen  Lande,  nachdem  es
sich  in  den  Ausschweifungen  des  Aufstandes  verblutet  hatte,
die  letzten  Lebensadern  unterbanden.

Der  Vierte  des  Bundes,  Absakow,  griff  endlich  als  Vorsitzender
  des  Moskauer  Slaven-Comites,  während  der  Jahre  1877
und  1878  in  den  höchsten  Paroxysmus  ein,  zu  welchen  sich  die
panslavistische  Tendenz  der  russischen  Nationalität  in  diesem
Jahrhundert  erhoben  hatte.  Er  organisirte  die  Verbindung  mit
den  südlichen  slavischen  Stämmen,  setzte  den  grossen  Kreuz:
zug  nach  Stambul  in  Bewegung,  trieb  die  Armee  über  den
Balkan  nach  der  Stadt  der  Sophienkirche  vorwärts  und
schrie  dann  über  den  Verrath  der  heimischen  Diplomatie,  als
dieselbe  sich  auf  dem  Berliner  Congress  ausser  Stunde  salı,
Europa  zu  bezwingen.

Das  gellende  Toben  Absakow’s  über  die  Zweitheilung  Bulgariens
  und  die  Auslieferung  Bosniens  und  der  lIerzegowina  an
Oesterreich,  während  die  russische  Armee  binnen  Jahresfrist  die
Balkanhalbinsel  räumen  und  die  verwandten  Slavenstämme
derselben  sich  selbst  überlassen  sollte,  gab  nur  dem  Missmuth
Ausdruck,  welcher  die  russischen  Panslavisten  nach  dem  Scheitern
des  nationalen  Programms  ergriffen  hatte.  Im  weiteren  Grübeln
entludl  sich  der  Sturm  der  Leidenschaften  gegen  das  Deutschthum
  des  Hofes  und  die  Freunde  der  deutschen  Allianz;  man