Der  Cäsarismus  des  Russenthums.  307

schwelgte,  während  die  Unzufriedenheit  mit  dem  Abbruch  des
Kriegs  und  mit  dem  Zurückweichen  der  Diplomatie  die  Autorität
des  Zaren  und  der  Regierung  untergrub,  in  Zukunftsbildern,  in
welcher  Genugtliuung  und  Rache  an  Deutschland  als  Ilauptursache
  der  Enttäuschung  im  Vordergrunde  stand.

Keiner  Partei  brachte  diese  Missstimmung  der  Nationalen  und
Abschwächung  des  kaiserlichen  Ansehns  mehr  Gewinn  als  den
Nihilisten.  Sie  konnten  sich  rühmen,  dass  sie  auch  etwas
von  den  Arbeiten  jenes  Moskauer  Philosophenkreises  der  dreissiger
Jahre  profitirt  hatten.  Absakow  hatte  Herzen’s  Sturm  auf  das
Ronı  des  Ostens,  wenn  derselbe  auch  vor  den  Thoren  der  heiligen
Stadt  ins  Stocken  gerathen  war,  durchgesetzt;  er  und  Katkow
hatten  Herzen's  und  Bakunin’s  Ingrimm  gegen  das  Eindringen
des  Deutschthums  in  Russland  und  deren  stolzes  Herabsehen  auf
das  veraltete  Europa  bei  sich  zu  Hause  populär  gemacht  und
einen  Krieg  gegen  den  Westen  zu  einem  Glaubeusartikel  für  die
Zukunft  erhoben.  Aber  die  Nihilisten  hatten  sich  aus  Bakunin’s
Kriegserklärung  gegen  das  Bestehende  und  gegen  allen  Regierungs-Nimbus
  ein  eignes  Evangelium  geschaffen  und  gingen,  als  ilınen
Absakow’s  Toben  einen  politischen  Bankerott  des  alten  Russenthums
  ankündigte  und  der  Unglaube  an  das  Bestehende  bis  in
die  obersten  Klassen  um  sich  griff,  mit  erhöhter  Sicherheit  an
ihr  Vernichtungswerk.

Hatte  nun  Bismarck  die  Zeichen  der  Zeit  richtig  gedeutet,
als  er  im  Herbst  des  vorigen  Jahres  einen  Krieg  der  verbündeten
  Macht  Russlands  und  Frankreichs  erwartete,  durch
seine  gläubigen  Anhänger  die  Nähe  dieses  Kriegs  in  den  Zeitungen
ankündigen  liess  und  auf  seiner  Wiener  Reise  sich  die  Bundesgenossenschaft
  Oesterreichs  sicherte?

Was  eigentlich  während  des  Septembers  1879  in  Wien  geschehen
  ist,  erfahren  wir  aus  sicherster  Quelle.  Der  preussische
Cultusminister  von  Puttkammer  bezog  sich  auf  einem  Festdiner
zu  lissen,  am  23.  September,  in  einer  lischrede  auf  eine  Berliner
Nachricht  der  „Kölnischen“  Zeitung  und  bestätigte  es,  dass  der
deutsche  Kaiser  „es  über  sich  gebracht  hat,  seine  Herzenswünsche",
  das  heisst,  wie  die  genannte  Zeitung  sich  ausdrückte,
seine  „innigste  Freundschaft  ınit  dem  russischen  Hofe“  dem
„Wohl  seines  Volkes  zum  Opfer  zu  bringen.“  Er  hatte  dem  von
Bismarck  mit  Oesterreich  getroffenen  Abkommen,  für  dessen
Nichtgenehmigung  das  Entlassungsgesuch  des  Reichskanzlers

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