314  Bismarck  und  das  deutsche  Volk.

Osnabrück’schen  Patrioten  das  TLandesfürstenthum,  in  dem
der  Fürst  „die  ihm  anvertrauten  Reichsgemeinen  als  die  seinigen
betrachtet,  sein  Glück  in  dem  ihrigen  findet  und  wenigstens
seinem  Hause  zu  Gefallen  nieht  Alles  auf  einmal  verzehrt,  allenfalls
  aber  an  dem  allerhöchsten  Reichsoberhaupte  noch  einigen
Widerstand  hat.“

Der  1794  verstorbene  Justus  Möser  erlebte  es  nicht  mehr,
wie  Napoleon’s  Rheinbund  die  Souveränetät  dieser  Landesfürsten
  ausdrücklich  gegen  Preussen  und  Österreich  stärkte,  und
konnte  noch  weniger  ahnen,  dass  diese  Souveränetät  der  Landesherren
  sich  späterhin  gegen  die  eigenen  Unterthanen  und  deren
gefürchtete  Hinneigung  zu  einem  dieser  mächtigen  Bewerber
um  die  Herrschaft  in  Deutschland  verhärtete.

Unter  dem  milden  Scepter  einiger  jener  früheren  noch  nicht
von  Argwohn  und  Verdacht  gequälten  Landesfürsten  der  zweiten
Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  und  innerhalb  der  Ringmauern
der  Reichsstädte  ist  aus  dem  deutschen  Blut  eine  kurze  Blüthe
der  deutschen  Litteratur  hervorgegangen.  Während  die
Franzosen  seit  dem  \Wiedererwachen  der  weltlichen  Wissenschaften
  und  Künste  eine,  die  Welt  beherrschende  und  entzückende
  Litteratur  schufen  und  jetzt  noch  die  neuen  Abdrücke
von  Montaigne  und  Charron,  von  Rabelais  und  Clement  Marot  an
in  ihre  Hausbibliotheken  aufnehmen  und  aus  den  Schätzen  von
mehr  als  drei  Jahrhunderten  Stärkung  für  ihre  Tagesarbeit
schöpfen,  ist  die  deutsche  Litteratur  der  letzten  drei  Jahrzehnte
vom  vorigen  Jahrhundert  so  gut  wie  vergessen.  Sie  war  von
vornherein  ein  nicht  ausgewachsenes  Kind  und  ist  unvollendet
geblieben.  Nur  wenige  Leute  erfrischen  sich  noch  in  den
Werken  jener  siebziger  und  achtziger  Jahre,  an  ihrem  körnigen
Ausdruck  und  an  ihren,  die  Spuren  des  Wetteifers  mit  den
französischen  und  englischen  Meistern  noch  an  sich  tragenden
Wendungen.  Die  Meisterwerke  der  Sprache  und  Composition,
wie  die  ersten  Bände  von  Moritz’ens,  „Anton  Reiser,“  desgleichen
die  ersten  Theile  von  Jung-Stillings  Leben,  beide  Werke  hoch
über  ihrem  sprachlichen  und  Stimmungsvorbild,  Goethe’s  Werther,
stehend,  oder  auch  wie  die  nächsten  Nachblüthen,  Erst  Moritz
Arndt's  Schilderung  des  pariser  Lebens  in  der  Directorialzeit
und  Friedrich  Schulz’ens  Gemälde  von  Warschau  im  Jahr  vor
der  zweiten  Theilung  Polens,  —  Alles  Werke,  die  den  Stempel
der  Jugendblüthe  und  der  Vollendung  an  sich  tragen,  sind  bei-