Bismarck  und  das  deutsche  Volk.  315

nahe  ganz  unbekannt  geworden.  Die  Hauptmasse  der  sogenannten
classischen  Litteratur  der  Deutschen  ist  mit  Ausnahme  einiger
störrigen  Originale,  wie  Jean  Paul  Friedrich  Richter’s  Schmelzle’s
und  Fixlein’s  in  den  Citatenschatz  des  deutschen  Volks  herabgesickert
  und  von  Georg  Büchmann  in  seine  „geflügelten  Worte“
zusammengetragen.

Als  die  Landesfürsten  sich  gegen  die  Unzufriedenheit  der
Unterthanen  mit  ihrer  territorialen  Einfriedigung  mit  Argwohn
und  Härte  bewaffneten,  war  es  mit  der  deutschen  Litteratur
vorbei  und  ward  die  deutsche  Natur  auf  die  Probe  gestellt,  ob
sie  sich  mit  einer  Macht  vertragen  künne,  die  ihr  zwar  den
Ausgang  aus  den  lästig  gewordenen  engern  Jandesgrenzen
öffnete,  aber  sie  doch  wieder  in  eine  neue,  wenn  auch  weitere
Einfriedigung  einschloss.

Diese  Frage  kam  an  das  deutsche  Wesen,  als  die  norddeutsche
  Macht  Österreich  von  der  Einmischung  in  die  innerlich
entzweiten  Landesfürstenthümer  ausschloss,  aber  sie  ist  noch
fern  von  der  Lösung,  reibt  Bismarck’s  Nerven  auf,  zerbröckelt
die  politischen  und  parlamentarischen  Parteien  und  bringt  das
Gefüge  des  neuen  deutschen  Reichs  zum  Knarren.

So  wenig,  wie  die  deutsche  Litteratur  zur  Reife  gelangt
ist  und  am  liebsten  wie  in  den  angeführten  Werken  Jung-Stilling’s
  und  des  Berliner  Sonderlings,  Moritz,  sich  an  dem
musikalischen  Reiz  des  Aneinanderklingens  vom  Rückzug  in  die
Geheimnisse  der  Seele  und  vom  Widerstreit  mit  der  Aussenwelt
ergötzt,  so  wenig  hat  das  deutsche  Blut  eine  nationale  Geschichte
  erzeugt.  Immer  bewegte  es  sich  im  Wechsel  des
Gegensatzes  gegen  die  Fremde  und  des  Landschaftsgefühls.
Heinrich  der  Löwe,  der  dem  Sturm  des  deutschen  Bluts  nach
aussen  Halt  gebot,  um  auf  eigenem  Sitz  sich  zu  verschliessen,
und  die  Römerzüge  der  Kaiser  mit  ihrer  imperatorischen  Nichtachtung
  der  Gemeinfreiheit  sind  die  Typen  der  ganzen  deutschen
Geschichte.  Eine  eigene  Fahne,  eigene  Farben  und  eine
nationale  politische  Parole  hat  der  Deutsche  nicht  geschaffen.

Nun  aber,  nach  dem  Tage  von  Königgrätz,  sollte  er  sich
mit  dem  Erzeugniss  einer  jahrhundertlangen,  ausserhalb  seiner
Ursitze  durchgeführten  Geschichte  ausgleichen.

Es  gibt  kein.  preussisches,  kein  österreichisches  Blut.  Das
preussische,  das  österreichische  Wesen  sind  gemacht  und  Erzeugnisse
  der  Historie,  Mit  der  Wucht  alles  dessen,  was  sie