316  Bismarck  und  das  deutsche  Volk.

im  Lauf  der  Geschichte  zusammengebracht  haben,  sind  sie  ein
Dogma,  im  Glauben  ihrer  Angehörigen,  ein  Bekenntniss,  eine
Confession;  darum  sagt  z.  B.  ein  gläubiger  Bekenner:  „ich  bin
ein  Preusse,  kennt  ihr  meine  Farben?“  Das  politische
Dogma  und  Bekenntuiss  konnte  sich  nur  in  einer  Position
ausserhalb  der  deutschen  Staatengruppen  ausbilden,  somit  in
einem  kriegerischen  Lager,  wo  ces  die  Freiheit  hatte,  in  die
Angelegenheiten  der  auswärtigen  Nachbarn  einzugreifen  und  die
eigne  Macht  und  Bedeutung  zu  gründen.  In  diesem  Lagerleben
rühmten  sich  die  beiden  rivalisirenden  deutschen  Grossmächte
ihres  europäischen  Berufs;  als  sie  ihren  letzten  Zwist  mit
einander  ausfochten,  nabmen  sie  für  sich  den  deutschen  Beruf
in  Anspruch.

Im  Frankfurter  Parlament  versuchte  es  zwar  das  deutsche
Blut,  sich  eine  seiner  Natur  entsprechende,  auf  der  Gemeinfreiheit
beruhende  Verfassung  zu  geben;  allein  die  Mehrheit  der  in
der  Mainstadt  versammelten  Volksvertreter  traute  in  jenem
Sinne,  wie  Justus  Möser  in  seinem  Urtheil  über  eine  mittelalterliche
  Situation  sich  ausdrückt,  den  Schultern  der  Nation
nicht  die  Kraft  zu,  ihr  constitutionelles  Gebäude  zu  tragen,
und  berief  an  die  Spitze  der  neuen  Gentralgewalt  den  König
von  Preussen  als  kaiserliches  Reichsoberhaupt  und  als  ersten
Träger  der  in  seinem  Hause  erblichen  Kaiserwürde.  Hatte  schon
dieser  Schritt  die  sprechendste  Analogie  in  dem  Beschluss  jenes
achäischen  Bundes  der  griechischen  Freistaaten,  der  sich  unter
das  militärische  Protectorat  des  gräcisirten  Macedoniens  stellte,
so  bildeten  die  gläubigen  Gothaer  zu  Erfurt  die  Frankfurter
Idee  noch  weiter  ins  Militärische  aus,  bis  endlich  die  im  Militärconflict
  der  sechziger  Jahre  zum  Glauben  bekelrten  Nationalliberalen
  1866  und  1867  das  militärisch-diplomatische  Präsidium
definitiv  festsetzten.

Gibt  es  nun  im  Triebwerk  der,  auf  den  national-liberalen
Horizont  berechneten  Schöpfung  noch  deutsches  Blut?  Kann  es
sich  in  derselben  noch  behaupten?  Trotz  der  Abschwächung,
die  es  nach  unserer  Darstellung  auf  den  Gebieten  der  bürgerlichen
Arbeit,  der  Kunst,  Wissenschaft  und  Gesetzgebung  erlitten  hat,
kann  es  mit  den  Resten  seines  Selbstgefühls  noch  wichtige
Dienste  leisten,  vor  Allem  die  Hast  und  Überstürzung  der
legislativen  Arbeit  mässigen  und  die  Centralisativn  eine  Weile
lang  zu  einem  schonenden  Vorgehen  bewegen.  Aber  nur  auf