Bismarck  und  das  deutsche  Volk.  317

eine  Weile  lang,  denn  wenn  es  nur  laviren  und  die  Macht.
auch  nur  zum  Laviren  nöthigen  kann,  so  kann  es  seiner  schliesslichen
  Aufzehrung  dureh  cine  vielleicht  langsamer,  aber  doch
sicher  fortszhreitende  Centralisation  nicht  entgehen.

Wenn  es  nicht  in  eigenen  Productionen  zeigt,  dass  es  etwas
Originales  in  sıch  hat,  was  ihm  das  Recht  zur  Existenz  gibt,
so  ist  es  verloren.

Es  mvss  von  unten  an  wieder  anfangen,  zeigen,  ob  es  seine,
in  mehreren  Abschnitten  der  vorliegenden  Bogen  geschilderte
Verdrossenheit  und  Neigung  zur  Verstimmtheit  bezwiagen  kann.
Es  möge  den  Ruf  der  deutschen  industriellen  Arbeit  wieder  zu
Ehren  bringen,  —  vor  Allem  dämpfe  es  seine  Lust  an  der
eigenen  Verherrlichung  und  seine  Selbstüberhebung.

Wenn  es  sich  in  den  letzten  Jahren  dureh  einen  militärischen
Erfolg  verleiten  liess,  sich  vor  der  Welt  als  die  Auswahl
der  Völker  zu  brüsten,  so  war  es  ein  Act  der  äussersten  Noth,
dass  Fichte  1808  in  den  „Reden  an  die  deutsche  Nation“  das
deutsche  Blut  durch  ein  Gemälde,  in  welehem  sein  Idiom  als
die  einzige  Ursprache,  seine  Dietion  in  Poesie  und  Prosa  als
die  höchste  Sprachleistung  und  sein  Gemüth  als  die  vollendetste
Erscheinung  in  der  Geschichte  stralilte,  zur  lEormannung  und
Erhebung  aufrufen  wollte.  Beialledem  ist  es  kein  vortheilhaftes
Zeugniss  für  die  Neigung  der  Deutschen  zur  nationalen  Selbsterkenntniss,
  dass  Jean  Paul  Friedrich  Richter’s  gründliche  Beurtlieilung
  dieses  Werks  (in  den  Heidelberger  Jahrbüchern,  siehe
desselben  sämmtliche  Werke,  Berlin,  Band  44)  so  gut  wie  unbeachtet,
  wenigstens  ohne  Wirkung  vorüberging.

llier,  im  Fach  der  Selbsterkenntniss,  ist  ein  Gebiet,  auf
welchem  das  deutsche  Blut  noch  Vieles  nachzuholen  hat,  und
vielleicht  gelingt  es  ihm  in  diesem  Capitel,  auch  den  Selbsttäuschungen
  und  Beklemmungen  des  ganzen  europäischen  Wesens
ein  passendes  Wort  zu  widmen.*)