8  ı.  Ursachen,  Vorbedingungen  und  Arten  der  Kartellentstehung.  9

wenn  er  behauptet,  daß  die  Kartelle  „die  Fallschirme  sind,  deren
sich  die  zu  hoch  geflogene  Produktion  bediente,  um  wieder  auf
festen  Boden  zu  gelangen“.

Ist  auch  all  dem  vom  geschichtlichen  Standpunkt  beizustimmen,
so  müssen  wir  doch  damit  im  klaren  sein,  daß  dieser  Entwicklungsprozeß
  mit  der  allgemeinen  Verbreitung  der  Kartellidee  eine
Änderung  erfährt,  da  die  Erfahrung  zweifellos  zeigt,  daß  die
Kartelle  nicht  nur  nach  den  Krisen,  sondern  auch  während
günstigerer  Wirtschaftsverhältnisse  entstehen,  um  einerseits  die
Unternehmerposition  intensiver  auszunützen,  andererseits  aber  der
späteren  ungünstigen  Reaktion  vorzugreifen.

Die  Kartellbewegung  ist  ja  zu  ihrer  eigentlichen  Blüte  zur
Zeit  des  neuesten  wirtschaftlichen  Aufschwungs  gelangt;  und  die
Statistik  beweist  zweifellos,  daß  die  Zahl  und  die  Macht  der
Kartelle  und  Trusts  mit  der  wirtschaftlichen  Konsolidation  gleichen
  Schritt  hält.  Wir  sehen  auch,  daß  während  einer  günstigen
  Konjunktur  die  Konsumenten  am  leichtesten  die  Kartelle
„ertragen“,  da  ihre  Belastungsfähigkeit  derart  steigt,  daß  die  mit
der  Kartellbildung  parallele  Preiserhöhung  das  wirtschaftliche
Gleichgewicht  nicht  ins  Wanken  bringt.  Wir  müssen  uns  jedoch
stets  vor  Augen  halten,  daß  die  Entstehung  der  Kartelle  das
Endresultat  der  verschiedensten  und  verwickeltsten  Ursachen  und
Wirkungen  ist,  deren  keine  einzige  bei  dem  Studium  der  Kartelle
außer  acht  gelassen  werden  darf.  Die  fortschreitende  Entwicklung
der  Kartelle  im  XIX.  Jahrhundert  zeigt  am  besten,  daß  ihre  Entstehung
  durch  die  verschiedensten  wirtschaftlichen  Verhältnisse
gefördert  wird.

Es  ist  daher  richtig,  wenn  Liefmann  im  Gegensatz  zu  der
Theorie  „der  Kinder  der  Not“  betont,  daß  mit  der  Entwicklung
des  Kartellsystems  die  Vereinigung  immer  mehr  ein  Präventivmittel
  wird  (a.  a.  O.  S.  53)  und  nicht  so  sehr  unter  dem  Druck
der  Krise  und  des  Konkurrenzkampfes,  als  um  demselben  vorzugreifen
  entsteht.

Andererseits  ist  es  sicher,  daß  die  Vorstellung  der  Konkurrenz
als  Motiv  bei  jeder  Kartell-  und  Trustgründung  auftaucht  und
mitwirkt,  und  zwar:  ı.  in  der  Form  eines  starken  Konkurrenzkampfes,
  welcher  hauptsächlich  in  dem  rapiden  Sinken  der  Preise
zur  Schau  tritt;  oder  2.  zufolge  einer  Gestaltung  des  Marktes,
welche  die  Gefahr  oder  wenigstens  die  Möglichkeit  eines  starken