8  ı.  Ursachen,  Vorbedingungen  und  Arten  der  Kartellentstehung.  ıI

Der  Unternehmer,  der  in  ein  Kartell  eintritt,  opfert  immer
einen  Teil  seiner  individuellen  Freiheit.  Selbstverständlich  wird
er  dies  nur  dann  tun,  wenn  der  aus  dem  Kartell  zu  erwartende
Grewinn  denselben  aufwiegt.  Das  Zustandekommen  des  Kartells
ist  auch  infolge  der  divergierenden  Interessen  und  übertriebenen
Forderungen  öfters  erschwert  und  die  diesbezüglichen  Versuche
mißlingen  oft.  Ein  interessantes  Beispiel  gibt  hierfür  Tschierschky
(„Kartell  und  Trust“  S.  28—5o),  indem  er  ausführlich  nachweist,
warum  eine  festere  Konzentration  in  der  deutschen  Baumwollund
  Spinnereiindustrie  nicht  zustande  kommen  konnte.

Ein  wichtiges  Moment  ist  auch  ferner  das  zur  Produktion
nötige  Kapital.  Je  größer  das  Kapital,  desto  notwendiger  die  Vereinigung,
  denn  die  Einschränkung  oder  Reduzierung  des  Betriebes
  bedeutet  nicht  nur  entgangenen  Grewinn,  sondern  auch
tatsächlichen  Schaden,  da  die  Entwertung  und  nicht  gehörige
Verzinsung  des  Kapitals  ebenfalls  in  Betracht  kommt.  Brentano
bemerkt  richtig,  daß  die  Notwendigkeit  der  Kartelibildung  „heutzutage
  in  dem  fortschreitenden  Zunehmen  des  fixen  unübertragbaren
  Kapitals  im  Gegensatze  zu  dem  früheren  Vorherrschen  des
flüssigen  Kapitals  wurzelt“.

Die  Ähnlichkeit  oder  die  Identität  der  Produktionsbedingungen
und  Produktionsarten  sind  ebenfalls  für  die  Kartellierungsfähigkeit
  entscheidend:  der  Mangel  derselben  veranlaßt  all  jene  Unternehmer,
  welche  wirtschaftlich  günstiger  gestellt  sind  zur  Aufnahme
  des  Konkurrenzkampfes,  in  welchem  sie  voraussichtlich
den  Sieg  davontragen  werden.  In  diesem  Fall  kann  das  Kartell
  nur  zustandekommen,  wenn  die  ungünstiger  situierten
Unternehmer  durch  Abschluß  des  Kartells  große  Opfer  bringen,
um  die  noch  schädlicheren  Folgen  des  Konkurrenzkampfes  zu
vermeiden.  So  geschah  dies  bei  dem  Kartell  der  Sodafabriken
nach  dem  System  Leblanc  und  Solvay,  worauf  wir  noch
zurückkommen  werden.

Die  Kartellgründung  ist  wesentlich  erleichtert  bei  jenen  Industrien,
  welche  Massenwaren  gleicher  Qualität  erzeugen:  und
zwar  nicht  nur  deshalb,  weil  diese  Waren  der  Konkurrenz
leichter  zugänglich  sind,  während  die  individuell  verschiedenen
und  insbesondere  von  der  Mode  oder  von  dem  Geschmack  abhängenden
  Waren  ohnehin  einen  eigenen  Kundenkreis  besitzen;
sondern  auch  deswegen,  weil,  wie  die  Erfahrung  zeigt,  ein  Über-