12  I.  Kapitel.  Über  Kartelle  und  Trusts  im  allgemeinen.

einkommen  bezüglich  verschiedener  Waren  selten  gelingt,  da  die
Kompliziertheit  des  Vertrages,  die  Schwierigkeiten  der  Evidenzhaltung
  und  Kontrolle  sowie  die  Unmöglichkeit  der  einheitlichen
Preisbestimmung  dies  besonders  erschweren,  oft  auch  unmöglich
machen.  Bei  Waren,  bei  deren  Erzeugung  die  persönliche  Fähigkeit
eine  größere  Rolle  spielt,  erschwert  eine  Vereinbarung  der  Umstand,
  daß  der  Abgang,  also  auch  der  Preis  eines  jeden  einzelnen
Exemplars  von  dessen  Gelingen  abhängt,  und  folglich  im  vorhinein
  nicht  bestimmt  werden  kann.  Bezüglich  solcher  Waren
endlich,  die  nur  in  einem  oder  wenigen  Exemplaren  erzeugt
werden,  kann  eine  Konkurrenz  überhaupt  nicht,  oder  bloß  in
engen  Schranken  entstehen,  welche,  in  den  tatsächlichen  Verhältnissen
  wurzelnd,  mächtiger  sind  als  irgend  ein  Kartell  und
deshalb  dasselbe  überflüssig  machen.

Die  Kartellierungsfähigkeit  einer  Industrie  hängt  auch  davon
ab,  ob  die  Käufer  der  durch  sie  produzierten  Waren  überhaupt  —
und  in  welchem  Maße  —  organisiert  sind.  So  z.B.  verkauft  die
Halbzeugindustrie  ihre  Produkte  weiterverarbeitenden  Industrien,
die  zum  Zwecke  des  Einkaufs  des  Halbzeugs  ein  Kartell  gründen
und  dadurch  ein  derartiges  Übergewicht  gegen  die  erstere  erlangen
können,  daß  die  Gründung  eines  Gegenkartells  zur  Existenzbedingung
  wird,  denn  es  hat  den  Charakter  einer  Defensivorganisation
gegenüber  der  Übermacht  eines  anderen  Kartells.  Andererseits
ist  die  Organisation  des  Handels  oder  des  Konsums  in  Grenossenschaften
  öfters  ein  wichtiger  Beweggrund,  daß  die  Kartellierung
—  als  Mittel  der  industriellen  Organisation  —  ins  Leben  tritt.!)
Deswegen  herrscht  gewöhnlich  auf  den  untersten  Stufen  der
industriellen  Produktion  die  größte  Kartellierungsfähigkeit,  während
  jene  entwickeltsten  Industrien,  die  in  dem  direktesten  Kontakt
  mit  den  Konsumenten  stehen  und  sich  seinem  Greschmack
anpassen  müssen,  die  geringste  Tendenz  zur  Kartellierung  aufweisen.


Bei  der  Kartelliercung  kommt  auch  die  Anzahl  der  konkurrierenden
  Unternehmer  in  Betracht.  Die  geringe  Anzahl  der
Konkurrenten  sowie  die  lokale  Bedeutung  eines  Kartells,  welche
z.B.  durch  die  Höhe  der  Transportkosten  gefördert  wird,  bereiten

2)  Diesen  richtigen  Gedanken  übertreibt  Tschierschky  (a.a.O.  S.  27),  welcher
die  Kartellbildung  ausschließlich  als  Defensivorganisation  betrachten  will,  durch
welche  der  Kontakt  zwischen  der  Produktion  und  dem  Absatz  entsteht,