22  I.  Kapitel.  Über  Kartelle  und  Trusts  im  allgemeinen.

Wasser  auch  ihre  Lebenssäfte  verlieren  und  in  ihren  Grundbedingungen
  erschüttert  werden.  Der  Keim  des  Unterganges
liegt  nämlich  darin,  daß  der  Trust  auch  nach  dem  fiktiven  und
irrealen  Kapital  Dividenden  zahlen  muß;  und  da  bei  der  Gründung
  ein  beträchtlicher  Teil  des  Kapitals  zu  unproduktiven
Zwecken  durch  Börsenmanipulationen  und  Unternehmergewinn
verschlungen  wird,  so  kann  der  Trust  die  Dividende  überhaupt
nicht  oder  nur  durch  vollständige  Erschöpfung  des  Reservefonds
ausschütten.  Der  plötzliche  Mangel  der  finanziellen  Kraft  verleitet
  dann  die  Trusts  zu  einer  maßlosen  Erhöhung  der  Preise
ihrer  Produkte,  und  dadurch  wird  leicht  eine  neue  Konkurrenz
wachgerufen,  gegen  die  der  Trust,  durch  seine  riesigen  Passiven
belastet,  den  Kampf  mit  Erfolg  aufzunehmen,  nicht  mehr  imstande
  ist.

$  3.  Einfluß  des  Schutzzolles  auf  Kartelle  und  Trusts.!)

Es  ist  eine  allgemein  verbreitete  Ansicht,  daß  der  Schutzzoll
und  das  Kartell  in  ursächlichem  Zusammenhang  stehn.  Obzwar
wir  bereits  im  obigen  darauf  hingewiesen  haben,  daß  die  Schutzzölle
  die  Entstehung  der  Kartelle  erleichtern  und  deren  Bestand
sichern,  können  wir  dieser  Ansicht  doch  nur  mit  folgenden  Beschränkungen
  beipflichten.

Die  Geschichte  der  Kartelle  beweist,  daß  trotz  der  Zolifreiheit
  bezüglich  gewisser  Artikel  Kartelle  entstanden  sind,  und
andererseits  ist  es  allbekannt,  daß  die  Produzenten  vieler  durch
den  Zoll  geschützter  Industriewaren  keine  Kartelle  gründeten.
Die  mächtigste  Unternehmervereinigung,  der  Standard  Oil  Trust,
hat  das  Petroleum  zu  einem  Monopolartikel  erhoben,  obzwar
dieser  Artikel  zollfrei  ist.  Andererseits  ist  in  der  Textilindustrie
trotz  des  Zollschutzes  das  fest  organisierte  Kartell  eine  seltenere
Erscheinung.

Trotzdem  müssen  wir  anerkennen,  daß  der  Schutzzoll  die
Kartellierung  wesentlich  erleichtert  und  fördert,  und  zwar  noch
mehr  als  die  Tarifpolitik  der  Frachtunternehmungen.  Die  Tarifpolitik
  bevorzugt  nur  gewisse  Produktionsgebiete  —  und  zwar

1)  Vergl.  Liefmann:  Schutzzoll  und  Kartelle;  Tschierschky,  Die  Exportorganisationen
  der  Kartelle  (Kartellrundschau  1905,  Märzheft);  A.  Matlekovits:
Gemeinschaftliches  Zollgebiet  und  wirtschaftliche  Separation  von  Österreich,  1905;
L.  Lang,  Hundert  Jahre  Zollpolitik,  Budapest,  1905,  deutsch  von  A.  Rosen,