24  I.  Kapitel.  Über  Kartelle  und  Trusts  im  allgemeinen,

die  durch  die  Kartelle  entstehenden  Übel  auf  Rechnung  des
Schutzzolles  zu  schreiben.  Auch  Havemeyer,  der  Präsident  des
amerikanischen  Zuckertrusts,  der  den  Schutzzoll  als  die  Mutter
aller  Trusts  (mother  of  all  trusts)  bezeichnet,  erklärt,  daß  er  nie
sein  Kapital  in  Zuckerraffinerien  investiert,  hätte  er  nicht  auf  die
Dauerhaftigkeit  der  hohen  Zuckerschutzzölle  gerechnet.

Dem  gegenüber  führt  Liefmann  (Schutzzoll  und  Kartelle)
richtig  aus,  der  Schutzzoll  sei  weder  die  Ursache,  noch  die  unbedingte
  Vorbedingung  des  Kartells,  sondern  nur  Mittel  desselben,
  indem  er  dessen  Entstehung  erleichtert.  Dies  bestärkt
also  unsere  obige  Behauptung,  daß  in  der  durch  Zoll  geschützten
Industrie  nicht  unbedingt  ein  Kartell  entsteht  und  andererseits
auch  ohne  Schutzzoll  Kartelle  entstehen  können.  Letzteres  ist
der  Fall  in  allen  jenen  Industrien,  welche  ein  natürliches
Monopolbesitzen.  Ein  derartiges  Monopol  wird  ermöglicht  infolge
der  Seltenheit  des  Rohmaterials  oder  durch  eine  Einrichtung
der  Industrie,  derzufolge  sie  über  das  Rohmaterial  mit  Ausschluß
  neuerer  Konkurrenten  allein  verfügen  kann.  Es  entsteht
auch,  wenn  die  Transportkosten  der  Produkte  im  Verhältnis  zu
ihrem  Werte  so  bedeutend  sind,  daß  die  Konkurrenz  mit  denselben
  belastet,  nicht  erfolgreich  in  die  Schranken  treten  kann.
Als  Beispiel  der  ersteren  Situation  diene  der  Erfolg  des  Standard
  Oil  Trust  in  Amerika,  der  letzteren  die  Häufigkeit  der
sog.  Lokalkartelle  (z.  B.  die  Ziegelkartelle  in  Hamburg,  Budapest,
Wien  etc).  Das  Übergewicht  einer  Industrie  gegenüber  ausländischen
  Konkurrenten  kann  die  Kartellierung  auch  in  Ermangelung
  des  Schutzzolles  zur  Folge  haben;  ein  frappantes
Beispiel  hierzu  bietet  die  Situation  der  österreichischen  Industrie
gegenüber  der  ungarischen.  Erstere  konnte  Kartelle  organisieren,
ohne  die  Konkurrenz  der  ungarischen  Unternehmungen  befürchten
oder  nur  berücksichtigen  zu  müssen,  während  letztere  ihre  Existenz
  durch  Anschluß  an  die  österreichischen  Kartelle  zu  sichern
suchte.  Schließlich  sind  als  neuestes  Entwicklungsstadium  die
internationalen  Kartelle  zu  erwähnen,  bei  welchen  die  das  internationale
  Kartell  abschließenden  Unternehmervereinigungen  auf
dem  ihnen  zugewiesenen  (Gebiete  selbst  bei  dem  System  des
Freihandels  ungestört  wirken  könnten.

Aus  alledem  folgt,  daß  Schutzzoll  und  Kartell  nicht  in  einem
derartigen  ursächlichen  Zusammenhang  miteinander  stehen,  daß